THEATER LEBT – AUCH IN DER ERINNERUNG (Folge 13)

STALIN - DIE SYSTEMRELEVANTE AUFGABE DES THEATERS


Die Geschichte um Salvatores Werk begann zunächst mit einer Suche. Der Verlag, der das Stück ursprünglich vertreten hatte, war nicht mehr zuständig und ein anderer Verlag zunächst nicht aufzufinden. Ich war schon etwas verzweifelt, weil mir Thema und Stück unendlich wichtig waren. Das Drama lebt von einem psychologischen Realismus, der den Zuschauer tief im Nervensystem erwischt. Mit starken, wortgewaltigen Texten kriecht der Autor in die Abgründe der Figuren und serviert historische Fakten mit brutaler Beharrlichkeit. Das Stück zermürbt und hinterlässt keine Hoffnung. Wenige lichte, fast heitere bis skurrile Momente muss die Regie inszenatorisch aufspüren. Doch letztendlich gibt es kein Ausweichen. Nicht für die Geschichte, nicht für die Figuren, nicht für den Zuschauer. Die Berliner Regisseure Ernstgeorg Hering und Helmut Straßburger hatten das Stück 1990 an der Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz inszeniert und Salvatore persönlich kennengelernt. Da Hering gerade für eine Inszenierung bei uns in Ansbach weilte, half er mir weiter und wir riefen Ende November, Anfang Dezember 2015 gemeinsam den Bühnenbildner Ezio Toffolutti in Venedig an. Dieser teilte uns mit, dass Gaston Salvatore schwer erkrankt sei, er ihn aber gern fragen werde. So erfuhr Salvatore noch kurz vor seinem Tod von unserem Vorhaben, STALIN aufzuführen. Er freute sich sehr darüber, wie wir hörten. Mich berührte es, einen Autor noch auf dem Sterbebett mit Theater ein kleines bisschen froh stimmen zu können. Gaston Salvatore, Volljurist, Dramatiker, Freund Rudi Dutschkes, gutaussehender Aktivist der bundesdeutschen Studentenbewegung, angeheirateter Neffe Salvador Allendes, gemeinsam mit Hans Magnus Enzensberger Herausgeber der Zeitschrift TransAtlantik, fester freier Mitarbeiter beim Stern, starb am 11. Dezember 2015 in Venedig. Die Inszenierung rückte mir indessen mehr und mehr auf den Leib. Der Verlag war mir, wie sich herausstellte, näher gewesen, als vermutet. Denn mit ihm verband mich eine jahrelange dramaturgische, inzwischen auch persönliche literarische Arbeit. Manchmal liegt die Lösung so nah. Man sieht sie aber nicht gleich. Es gibt keine Zufälle. Ich kann den Namen meines Großvaters im Internet aufrufen. Ein Name, ein Geburtsjahr, ein Geburtsort, ein vermutlicher Todestag. Und ein Todesort. Stalingrad. Sein Name steht gemeinsam mit zehntausenden anderen verloschenen Leben auf einem Stein in der Kriegsgräberstätte Rossoschka. In der Zeit des Hitler-Faschismus’ und des Stalinismus’ kamen Abermillionen Menschen ums Leben. Jede Einzelne, jeder Einzelne hat ein Schicksal. Wir dürfen sie nicht gegeneinander aufzählen. Unrecht ist Unrecht. Und hier wie dort trauern Menschen um ihre Angehörigen. Und hier wie dort herrschen leider auch irrsinnige Meinungen, die besagen, man müsse diese Zeiten wieder aufleben lassen. Und hier wie dort formieren sich Kräfte. Kategorisch: Nein! Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg! Wir haben als Menschen ein Gewissen. Bedienen wir es. Und nutzen wir es dazu, Freundschaften zu suchen, nicht Feindschaften zu schüren. Heute scheint es vielen Theaterleuten, dass wir in der Corona-Krise vergessen werden. Tausende von freischaffenden Künstler* innen geraten in Bedrängnis, viele Theater haben Kurzarbeit angemeldet, keiner weiß, wie es nach dem Lockdown weitergehen wird. Neulich unterhielt ich mich vor der Apotheke mit einem Passanten, der eine Maske kaufen wollte. Wir waren uns über Vieles einig, besonders darüber, wie unachtsam die Menschen miteinander umgehen. Doch dann kam das Gespräch auf das Thema Kultur und ich musste ihm leider sagen, dass ich seine Meinung, dass dies doch alles völlig überflüssig sei, nicht teilen könne. Wenn der Passant weitergedacht hätte, so wäre ihm vielleicht klargeworden, dass das Erlernen von Achtsamkeit auch ein schöner Effekt von Kulturtechniken ist. Doch dann ging die Tür auf, wir desinfizierten die Hände und gingen unseren Einkäufen nach.  Wir Theatermacher*innen müssen uns darüber klar sein, dass uns nicht alle vermissen werden und dass Kultur für viele eine untergeordnete Rolle spielt.  Aber wir dürfen uns nie darin beirren lassen, dass wir eine systemrelevante Aufgabe haben und wir sollten ohne Egomanie dafür arbeiten. Sie liegt, wenn wir die vielen psychologischen, gesellschaftlichen, ästhetischen Funktionen des Theaters auf den innersten Kern herunterbrechen, in der Aufklärung und der Erziehung des Menschen zum Wohle aller. Die Inszenierung des Stückes STALIN verließen viele Zuschauer*innen beeindruckt und bewegt, manche kamen sogar zwei bis dreimal. Viele sagten mir, dass sie nichts über Stalin und die sowjetische Geschichte gewusst hätten. Ich war sehr froh, dass die Ansbacher auch diese schwere Kost kennenlernen wollten. Das war der eigentliche Erfolg, nämlich Menschen aufgeweckt, neugierig, bewegt, nachdenklich und im besten Sinne „aufgeklärt“  zu haben.  (Fortsetzung folgt) STALIN von Gaston Salvatore

Premiere am 15. Oktober 2016, Theater Ansbach, Theater hinterm Eisernen

Inszenierung: Susanne Schulz

Bühne und Kostüme: Jan Hax Halama

Mit freundlicher Unterstützung des Kostümbilds durch das Ensemble Porcia

Mit: Dave Wilcox, Hartmut Scheyhing

Fotos: Jim Albright








27 Ansichten

©2020 TheaterDenkenKunst. Erstellt mit Wix.com