Postpandemisches Theater

Aktualisiert: Juni 3

WAS KOMMT NACH DEM SHUTDOWN


Das Interview führte der Berliner Theaterautor Volker Lüdecke


Frau Schulz, Ihre letzte Spielzeit als Intendantin des Theater Ansbach wurde wegen der Corona Pandemie vorzeitig beendet. Wie geht es Ihnen nach dem Shutdown Ihres Theaters?


Schulz Nach dem anfänglichen Schock und immer neuen Planungsvarianten für zwei noch ausstehende Premieren, hatte ich nun genug Zeit, dieses ungewöhnliche Ende ohne Abschied zu verarbeiten.

Sie haben während Ihres Studiums mit Persönlichkeiten wie George Tabori, Heiner Müller und Adolf Dresen gearbeitet und waren als Intendantin, Regisseurin und Chefdramaturgin an zahlreichen deutschen Theatern seit über dreißig Jahren maßgeblich für Theaterkonzeptionen, Spielpläne und Inszenierungen verantwortlich. Wie könnte ein "Postpandemietheater" der Zukunft Ihrer Meinung nach aussehen?

Schulz Die Pandemie hat uns gezeigt, wie verletzbar unser Leben, unsere Gemeinschaft und unsere Kultur sind. Wir bekamen durch die Schließungen einerseits Zeit geschenkt, andererseits wurde uns die zeitliche Begrenzung unserer Existenz klar vor Augen geführt. Wenn die Krise also etwas genützt haben soll, dann haben wir jetzt als Gesellschaft allgemein und als Kulturverantwortliche im Besonderen die einmalige Chance, eine radikale Frage zu stellen: Wie wollen wir leben?

Das klingt eher allgemein, welche Bereiche des Lebens meinen Sie?

Schulz Wir brauchen eine Bildungspolitik, die den Menschen als ein schöpferisches Wesen betrachtet und ihn zu einem aktiven, selbstverantwortlichen Gestalter einer demokratischen Gesellschaft erziehen möchte. Unser aktuelles Bildungssystem vermittelt Wissen, um Leistungsmaschinen für den kapitalistischen Markt zu erzeugen. Bildung von Herz, Geist und Seele bleiben weitestgehend auf der Strecke. Zweitens brauchen wir eine gesetzliche Festschreibung des Rechts auf Kultur und kulturelle Teilhabe aller Bürger*innen bei gleichzeitiger Erhaltung der im Artikel 5 des Grundgesetzes formulierten Kunstfreiheit.

Und drittens ist ein neues Denken der verantwortlichen Kulturpolitiker*innen und Intendant*innen vonnöten.

Als Intendantin kritisieren Sie sich selbst?

Schulz Geschenkte Zeit sollte man auch zum selbstkritischen Nachdenken nutzen. Unsere Theater sind zu einem großen Teil dem Wahnsinn der Überproduktion, oft bei gleichzeitiger Reduktion des Personals, erlegen. Wir müssen das genau anschauen und neu bewerten. Der politische und öffentliche Druck, durch noch mehr Angebote mit noch weniger Leuten zu allen Uhrzeiten vom Theaterdachboden bis zum Keller noch höhere Zuschauerzahlen zu erreichen, hat uns kurzatmig gemacht.

Sehen Sie die Gefahr, dass das Theater in Deutschland insgesamt an Relevanz verliert?

Schulz Während der Pandemie wurden zwei Dinge ganz deutlich. Erstens: Es gab aufgrund der Schließung der Theater keinen Aufschrei in der Bevölkerung. Uns Theatermacher*innen muss klar sein, dass uns nicht alle vermissen und dass Kultur für viele eine untergeordnete Rolle spielt. Es gibt keine durch Bildung und Erziehung tief in unsere Bevölkerung eingeschriebene kulturelle Sehnsucht. Es gibt keine Selbstverständlichkeit, dass Theater, Musik, Tanz, Malerei, unser Lebenskitt sind. Aber wir dürfen uns nie darin beirren lassen, dass wir trotzdem eine systemrelevante Aufgabe haben und weiter dafür arbeiten. Und zweitens: Nur, wenn Kultur nicht mehr mit der gönnerhaften Geste der „Freiwilligen Leistung“ abgespeist wird, wenn Kultur als Grundversorgung des Menschen gesetzlich verankert und gleichzeitig das Bildungssystem neu ausgerichtet wird, kann sich auch die Haltung unserer Gesellschaft zur Kultur langsam und grundlegend verändern.

Welche gesellschaftliche Aufgabe wird das Theater übernehmen, welcher Geist sollte Ihrer Meinung nach im "Postpandemietheater" gepflegt werden und in den Vordergrund rücken?

Schulz Wir stehen vor einer immensen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Umwälzung. Auch, wenn die Luft für ein paar Wochen besser wurde, der Regenwald wird intensiver abgeholzt denn je. Die Gewalt gegen Kinder hat zugenommen. Extreme politische Meinungen werden gesellschaftsfähig. Verschwörungstheorien finden Nährboden. Der Egoismus agiert auf den Straßen. Wir müssen sehr achtgeben, dass sich, auch aufgrund der zu erwartenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten, nicht das Gesetz des Stärkeren durchsetzt. Ich glaube, das ist vielen Menschen noch nicht klar. Kultur ist jetzt wichtiger denn je. Denn gerade, wenn Menschen Krisen überstehen müssen, wenn vieles zusammenbricht und so manches verschwindet, ist eine innere Stabilität und ein soziales Miteinander wichtig. Jetzt zählen Empathie, gegenseitiger Respekt, Kommunikationsvermögen, eine gesunde Streitkultur, Bildung und vor allem eine Werteorientierung. Theater ist eine Kulturtechnik, die Herz, Geist, Seele und Intellekt ständig trainiert. In der kritischen Auseinandersetzung mit Kunst vergewissert man sich ein Stück weit auch seiner Selbst und des Anderen. Jetzt sind viele Menschen auf sich selbst zurückgeworfen, es fehlt der Austausch, der Ausgang, der Ausblick. Alle müssen sich innerlich neu ausrichten und wieder ganz neu zusammenkommen. Sie brauchen jetzt Wohlwollen und Zuversicht. Darauf müssen die Theater - intern und extern - vorbereitet sein, wenn sich ihre Pforten wieder öffnen.

Frau Schulz, wenn der Bürgermeister einer Stadt Ihnen morgen die Schlüssel eines Theaters und ein dazu passendes Budget für den Spielbetrieb überreichen würde, was wäre Ihr Traum, welche neue Theaterform würden Sie starten?

Schulz Ha, das ist ja schon ein Traum an sich... Scherz beiseite: Die Deutsche Bühne schrieb mal, mein „Metier“ sei die „Theatererweckung“. In der Tat birgt für mich jeder neue Theaterstandort auch die Chance, Theater neu zu denken, neu zu erfinden und neu zu gestalten.

Sie studierten und promovierten ja bei Hans-Thies Lehmann. Ist das „Postdramatische Theater“, das er beschrieb, nach Corona noch zeitgemäß?

Schulz Alle Theaterformen können gesellschaftsrelevant sein, wenn sie sich ernsthaft mit den Themen unserer Zeit und ihren Menschen auseinandersetzen. Das Theater ist ein lebendiger Organismus, der sich in einem ständigen Wandlungsprozess befindet und, solange es Theatermenschen gibt, eine Vielfalt von Arbeitsstilen, Präsentationsweisen und Ästhetiken hervorbringen wird. Wir Theatermacher*innen sind jetzt mehr denn je gefragt, auf das „Posttrauma der Pandemie“ zu reagieren.

Mich persönlich interessieren Stoffe, die dringliche Fragen an unser Dasein stellen und den Einzelnen im Spannungsfeld seiner gesellschaftlichen Prägung, Abhängigkeiten und Konflikte untersuchen. Wir brauchen jetzt mehr denn je sorgsam erarbeitete, ergreifende Theaterabende, die uns tief im Herzen berühren, in der Seele klingen und unseren Verstand in Gang bringen.

Eine letzte Frage mit der Bitte um eine spontane Antwort: In welcher Farbe sehen Sie das Theater nach der Krise?

Schulz In sehr vielen Farben, so wie bisher auch.

Frau Schulz, ich danke Ihnen für das Interview!


Mai 2020


Theaterstücke von Volker Lüdecke finden Sie hier:

https://dreimaskenverlag.de/autoren/volker-luedecke

Foto: Susanne Schulz






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