THEATER LEBT – AUCH IN DER ERINNERUNG (Folge 9)

Aktualisiert: Apr 24

ANSBACHS HÖFISCHE OPERNTRADITION

Jutta Schubert zeigte in ihrem Stück nicht nur die kecken erotischen Abenteuer Casanovas, sondern auch die tiefemotionalen Seiten des Herzensbrechers. Sie arbeitete eine tatsächliche Begegnung des historischen Casanova mit der Sängerin Angiola Calori (1732-1790) zu einer Geschichte um die große Liebe zum „Kastraten“ Bellino aus. Calori war eine begnadete Sängerin des 18. Jahrhunderts. Casanova traf sie im Jahr 1744. Sie musste sich als jugendlicher Kastrat tarnen, um den Beruf ausüben zu können. Frauen waren Bühnenauftritte seitens der Kirche untersagt. Um auf der Bühne trotzdem mit weiblichen Sopran- oder Altstimmen umgehen zu können, bediente man sich begabter Knaben und kastrierte sie, um die Stimmen zu erhalten. Tausende starben unter den Messern der Chirurgen und Quacksalber, manche überlebten, wenige machten Karriere. Dennoch waren Kastraten im 17. und 18. Jahrhundert die Helden der Oper und wurden meist besser bezahlt als ihre Kollegen. Bellino war also eine Frau, kein Mann. Zu Ansbach hat die Tradition der Kastraten ebenfalls einen Bezug. Am Hof des Ansbacher Markgrafen Georg Friedrich II. wirkte ab 1696 der Komponist Francesco Antonio Pistocchi als Kapellmeister. Er gründete später in Bologna seine berühmte Gesangsschule, die neben denen in Neapel und Venedig zu den bedeutendsten in ganz Italien zählte. Insbesondere für die Ausbildung von Kastraten erlangte Pistocchis Schule eine herausragende Bedeutung. Als Fußnote sei angemerkt, dass ich eine von Pistocchis Ansbacher Opern im Archiv ausgegraben hatte, um daraus ein Projekt für Sänger*innen und Schauspieler*innen zu machen. Schon hatte ich die Partitur gemeinsam mit Hartmut Scheyhing am Klavier unter die Lupe genommen. Aber leider fand sich kein Mäzen für die Idee, die die große Ansbacher Operntradition hätte wieder aufleben lassen können. Anstatt dessen konnten wir unsere Opern-Phantasien in der späteren Inszenierung des AMADEUS von Peter Shaffer ausleben. Alle drei Darsteller*innen in CASANOVA hatten vielfältige musikalische Aufgaben. Katja Straub sang Caccinis „Amarilli mia bella“  in einem Gasthaus zur Gitarre und trat mit Händels „Ombra mai fu“, auf der Hammondorgel begleitet von Andreas Flick, in der Oper auf. Bellino und Casanova stritten sich im Duett mit „La ci darem la mano“ und die Theaterdirektorin examinierte Casanova am Klavier beim Vorsingen der „Canzonette“- Deh vieni alla finestra“ - beides aus Mozarts DON GIOVANNI. Im Hintergrund plätscherte der Brunnen, die Grillen zirpten, langsam ging die Sonne unter... Sommertheater.... (Fortsetzung folgt)

CASANOVA ODER DIE KUNST DER VERFÜHRUNG von Jutta Schubert (UA)

Premiere 4. Juli 2016, Theater Ansbach, Citrushaus im Hofgarten

Gastspiel im Freilandtheater Bad Windsheim

Inszenierung: Susanne Schulz Kostüme: Ulrike Schörghofer

Bühnenelemente nach Entwürfen von Andreas Becker

Musikalische Leitung: Hartmut Scheyhing

Choreographie: Claudia Dölker

Fechtchoreographie und Training: Stephanie Schimmer

Mit: Katja Straub, Andreas Flick, Dave Wilcox

Foto: Nicky Hellfritzsch











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