THEATER LEBT – AUCH IN DER ERINNERUNG (Folge 21)

AMADEUS – ACTUS TRAGICUS

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Peter Shaffers Stück AMADEUS endet mit dem Tod des Genies Wolfgang Amadeus Mozart und dem Selbstmord seines Widersachers und Zerstörers Antonio Salieri. Am Ende meiner Inszenierung stand das gewaltige „Amen“ aus Mozarts Requiem. Mit diesem „Actus Tragicus“ meiner Theatererinnerungen endet nun auch meine Intendanz am Theater Ansbach.

Wenn ich heute lese, dass sich das Schauspiel des Staatstheaters Nürnberg nach einem langsamen Beginn der Probentätigkeiten in Quarantäne begeben muss, mischt sich der „Schwanengesang“ unserer Ansbacher Schaffensperiode mit wachsendem Bedenken hinsichtlich der generellen Zukunft der Theater in Zeiten der Pandemie. Das Virus stößt jeden Einzelnen und die Gemeinschaft täglich regelrecht in einen Haufen von Herausforderungen, stellt uns vor immer neue Aufgaben, befragt unsere inneren Haltungen.

Auch das Stück AMADEUS stellt uns diese existentiellen Fragen: Wachsen wir an unseren Ängsten, an unseren Zweifeln und Beklemmungen und begrüßen wir schließlich freudig das uns verliehene Leben? Erleben wir demütig die Wertschätzung für unser einzigartiges Dasein und das einzigartige Leben des Anderen? Oder setzen wir uns durch Jammern und Klagen, durch Abwertung und Angriff dem Gefühl des Nichtgenügens, der Ohnmacht, des Neides, der Missgunst bis hin zur Selbstzerstörung und Auslöschung aus?

Der italienische Komponist Salieri (Hartmut Scheyhing) hatte als junger Mann geschworen, tugendhaft zu sein und Gutes zu tun, wenn Gott einen großen Musiker aus ihm machen würde. Ein Handel geradezu. Tatsächlich wird er zum erfolgreichen Kompositeur und gefeierten Opernstar am Wiener Hof, lebt gottgefällig und stellt sich in den Dienst sozialer Werke. Alles verläuft reibungslos. Doch dann fordert ihn das Schicksal heraus. Das Wunderkind Wolfgang Amadeus Mozart kommt nach Wien. Mozart (Gerald Leiß) ist ein hochtalentierter Musiker von naiver, kindlicher Natur, der sich jede Freiheit herausnimmt und sich taktlos und ungehobelt in der Gesellschaft verhält. Er ist mit musikalischem Genie gesegnet und scheint dafür keinerlei spirituelle Leistung erbringen zu müssen.

Salieri erkennt die Genialität seines Kollegen sofort und tritt, da er dem Vergleich mit ihm nicht standzuhalten glaubt, in einen wütenden Konkurrenzkampf mit Mozart und in Krieg mit Gott. Von Selbstzweifeln und Neid zerfressen, beginnt er, Mozart durch Intrigen in den Ruin zu stürzen, um sich in letzter Konsequenz an Gott zu rächen.

Salieri könnte sich dankbar über die wunderbare Gabe Gottes freuen, die er dem Menschen schenkte, als er ihm und Mozart Musikalität verlieh. Aber Salieri ergreift die Chance der Selbsterkenntnis und Dankbarkeit weder für seine eigenen Talente noch für die Fähigkeiten des Anderen. Andererseits zum Glück! Die Handlung, die von spannenden Konflikten, extremen Figuren und der großartigen Musik Mozarts lebt, wäre nämlich wenig dramatisch. Und wir hätten wenig interessanten Stoff für positive Denkanstöße in unserem Leben und Zusammenleben.

Unsere Ansbacher Inszenierung spielte sich in einer Art Theaterfundus, einem Kulissenlager ab, in dem Salieri vom Cembalo aus seine Geister und Lüftchen zu sich rief und sie mit Rollen beauftragte. Er wies sie zu Handlungen an, trieb sie zu Musiken und griff selbst als Darsteller ins Spiel ein.

Peter Shaffer schlägt in seinem Stück viele Musikeinspielungen vor, die aber in der Masse einen Inszenierungskorpus leicht zerschlagen können. Ich entschied mich daher zum größten Teil für Livemusik. Die Zusammenarbeit mit Hartmut Scheyhing konnte, ein letztes Mal für Ansbach, zu höchster Intensität erwachsen. Hartmut Scheyhing bearbeitete Mozart für Cembalo, Akkordeon, Klarinette und Flöte, studierte seine Kollegen gesanglich und instrumental ein, spielte Cembalo und sang selbst mit.

Und er spielte Salieri, eine Rolle, die das gesamte Stück trägt, ununterbrochen anwesend ist und alle Vorgänge des Stückes initiiert. Scheyhings Salieri war ein hochgewachsener Mann, biegsam wie eine Gerte, der mit spitzen Fingern seine Intrigen einfädelte, verbittert seine Venusbrüstchen aß, mit aasigem Lächeln zu verführen versuchte und seine Diener, die Lüftchen (Claudia Dölker und Andreas Peer), von einer Tat zur nächsten trieb. Ein düsterer, innerlich zerrissener Mensch, der sich Sinnlichkeit und Lebensfreude untersagt hatte und tiefe Gefühle nur in der Musik erleben konnte. Musik lies ihn Sehnsucht empfinden, trieb ihm die Tränen in die Augen, verhalf ihm zur Erkenntnis der Größe des Universums und von Mozarts Genie. Musik verlieh ihm Heiterkeit, war Ansporn und ließ ihn verzweifeln. In der Musik fand er Ausdruck und Nähe, die er im wahren Leben nie zeigen konnte.

Die Zuschauer wohnten in Ansbach einer außerordentlichen Gesamtleistung eines Schauspielers und Musikalischen Leiters bei, die an dieser Stelle nochmals ausdrückliche Würdigung erhalten soll. „Bravo, Salieri! Bravo, Hartmut Scheyhing!“


Die Inszenierung lebte von einem ständigen szenischen Fluss aus Schauplatz- und, Figurenwechseln, Handlungen und Musiken. Das Kulissenlager veränderte sich ständig. Ort und Klima wechselten permanent im Spiel des Ensembles. Mozarts „Entführung“, sein „Figaro“, „Cosi fan tutte“ und „Die Zauberflöte“ erklangen in den Kehlen der Schauspieler*innen. In einem Meer aus alten Notenständern komponierte Mozart, von Gerald Leiß entzückend und berührend, schrill und tief empfindend dargestellt, fiebrig sein „Requiem“. Das Ensemble lief zu musikalischen, spielerischen und szenischen Höchstleitungen auf. Die Aufgaben waren umfassend und permanent. Singen, spielen, tanzen, musizieren, ständiges Wechseln der Rollen, mobiles Verändern der Schauplätze. Ein Rausch der Bilder, Klänge, ein Feuerwerk der Eindrücke. Bravo, Ihr Lieben alle.


War der erste Teil der Inszenierung durch Heiterkeit, Luftigkeit und Spaß der Komödie gewidmet, so ging der zweite Teil in die Düsternis und Unausweichlichkeit der Tragödie über. Mozart starb elend, arm und vereinsamt. Salieri schnitt sich, mit Gott unversöhnt, die Kehle durch. „Amen“.

Thomas Wirth schrieb am 21.10.2019 in der Fränkischen Landezeitung: „In diesen beziehungsreichen Theaterraum ruft Susanne Schulz die Geister des Theaters herein und entdeckt mit ernster Eleganz ein beinahe metaphysisches Spiel über Gott und die Welt und die Kunst. (...) Und auf einmal treten dadurch, das ist die große Überraschung der Premiere, die existenziellen Fragen, die in Peter Shaffers Text arbeiten, schärfer hervor, Fragen nach der Gerechtigkeit Gottes oder nach dem, was Kunstwerk, Leben und Moral miteinander zu tun haben könnten.“

Liebes Ensemble, liebe Mitarbeiter*innen des Theaters von 2015 bis 2020!

Die „Frist ist um“, singt der fliegende Holländer in Wagners gleichnamiger Oper. Wir fliegen auseinander wie die Geister, die Salieri in Shaffers AMADEUS rief. Wir zerstreuen uns in alle Winde. Fliegt weiter, habt einen guten Weg und bleibt gesund. Danke, Euch allen!


AMADEUS von Peter Shaffer

Premiere am 19.10.2020, Theater Ansbach, Großes Haus

Inszenierung: Susanne Schulz

Musikalische Leitung: Hartmut Scheyhing

Bühne und Kostüme: Jan Hax Halama

Choreographische Mitarbeit: Claudia Dölker

Perückengestaltung: Verena Semlitsch-Kopp

Lichtgestaltung: Marc André Lörks


Antonio Salieri: Hartmut Scheyhing

Wolfgang Amadeus Mozart: Gerald Leiß

Venticello I / Katharina Cavalieri, der Musikclown u.a: Claudia Dölker

Venticello II / Joseph II., Kaiser von Österreich/ Figaro u.a: Andreas Peer

Der Musikschüler, der Musikclown: Bernadette Krenzer

Graf Johann Kilian von Strack, Kaiserlicher Kammerherr/Tamino u.a.: Sergej Czepurnyi

Graf Franz Orsini-Rosenberg, Direktor der Nationaloper u.a.: Bernd Berleb

Baron Gottfried van Swieten, Präfekt der Nationalbibliothek: Sophie Weikert

Constanze Weber, Mozarts Frau: Anna Mariani

Page, Blumenmädchen, Zuschauerin: Anna Hercher

Fotos: Jim Albright


© Susanne Schulz, 28. Juni 2020



81 Ansichten1 Kommentar

©2020 TheaterDenkenKunst. Erstellt mit Wix.com