THEATER LEBT – AUCH IN DER ERINNERUNG (Folge 19)

Aktualisiert: Mai 11

POP-MUSIKTHEATER

Unsere Welt wird zum Phantasma

In diesen Tagen könnte man fast denken, man sei in der surrealen Welt der Erzählungen E.T.A. Hoffmanns gelandet. Ausgangssperren und psychische Distanz, wochenlange Isolation und Gesichtsmasken, Einschränkung von Freiheitsrechten und Hygienemaßnahmen lassen uns kaum mehr zwischen Wirklichkeit und Phantasmagorie unterscheiden. Man glaubt, man sei in einem psychedelischen Film, bei dem die Zeit in ein merkwürdiges Fließen gerät. Die Bedeutung von Worten verzerrt sich, um dann als bloßer Klang im Nichts zu verhallen. Auf das einmal Gesagte kann man sich in der nächsten Minute nicht mehr verlassen. Menschen verändern sich, werden seltsam. Wissenschaftler erschaffen eine neue Wirklichkeit. Die Welt ist aus den Fugen und über allem schwebt eine dunkle Bedrohung.

Genau dies ist auch die Atmosphäre, die Friederike Köpf in ihrem Stück DER SANDMANN. IM BANN DER TAUSEND AUGEN nach E.T.A. Hoffmann erschaffen hat.

Ich hatte ihr den phantastischen Stoff um den Sandmann, der nachts erscheint und den Kindern die Augen stiehlt, nach den erfolgreichen gemeinsamen Uraufführungen von LUTHER und DER FLIEGENDE HOLLÄNDER für eine weitere Zusammenarbeit vorgeschlagen. Denn Köpf versteht es, die Essenz von historischen Stoffen und klassischen Werken in ganz neue, aktuelle Dimensionen zu überführen. Und unsere Zusammenarbeit war überaus produktiv, inspirierend und fruchtbar. Also auf zum nächsten Projekt, einem Psychothriller als Schauspiel-Musiktheater. Damals konnte niemand erahnen, dass wir uns über kurz oder lang selbst in einem Alptraum befinden würden.

Pop Musik Theater

Gemeinsam mit unserer Dramaturgin Sophie Oldenstein war ich auf der Suche nach einem Nachfolge-Stück für den FLIEGENDEN HOLLÄNDER gewesen. Sie hatte Offenbachs Phantastische Oper HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN vorgeschlagen, in der der Komponist drei Erzählungen des Dichters der Romantik verarbeitet hatte. Mir erschien die Wiederholung einer Herangehensweise, die bei Wagners Werk überaus erfolgreich gewesen war, nicht passend für einen nächsten Schritt. DER HOLLÄNDER sollte ein Unikat bleiben. Hoffmanns bekannter romantischer Stoff war spannend, aber mir war ein neuer ästhetischer Impuls, auch bezüglich der Musik, sehr wichtig. Und dieser Impuls kam ganz plötzlich auf mich zu. Die Ansbacher Sängerin Lys Jane hatte mit ihrer Band bei einem „Tag der offenen Tür“ des Theaters gespielt. Lys komponiert, spielt Gitarre und singt. Sie und die Jungs, die im täglichen Leben bürgerlichen Berufen nachgehen, sind wunderbare Menschen und engagierte Musiker. Mit Lys stand die perfekte Puppe Olimpia vor mir. Sie ist selbst eine Kunstfigur. Sie trägt rote Kleider, hat lange schwarze Haare, dichte Wimpern und auffällig geschminkte Augen. Beim Singen sitzt sie, spielt Gitarre und ist umgeben von einer stillen, geheimnisvollen Aura. Ihre Stimme ist sehr schön, ihre Texte poetisch und klug. Ich spürte meiner Intuition nach und trug die Idee einige Wochen lang mit mir herum. Es war schon eine verrückte Vorstellung, eine Ansbacher Sängerin ohne Theatererfahrung in eine Uraufführung einzubinden. Doch ich kam zum dem Schluss: „Think big. Wag’ es!“

So wurde Lys Jane, dieses wunderbare Menschenkind aus Ansbach, die fränkische Singersongwriterin, nicht nur die Darstellerin und Sängerin der Olimpia, sondern auch gemeinsam mit Hartmut Scheyhing die Komponistin der Uraufführung. Für Lys waren es viele Premieren. Sie erlebte zum ersten Mal Theaterproben, komponierte zum ersten Mal für Theater, stand zum ersten Mal als Darstellerin und Sängerin einer Rolle auf der Bühne. Aber sie brachte für Olimpia schon sehr viel von sich aus mit. Vor allem eine absolute Offenheit und Neugier für das Erlernen und Erleben neuer Dinge. Und die Freude, ihr Können in eine Teamarbeit einzubringen. Uns Theatermenschen hat die Mitarbeit dieser bescheidenen und für unsere gemeinsame Arbeit brennenden Künstlerin sehr gut getan.

Trauma-Alptraum-Psychose-Intrige

Wie immer orientierte sich Friederike Köpf beim Schreiben an den Vorgaben des Theaters. Und wie immer war unsere Zusammenarbeit ein spannender, intensiver Prozess. Das Stück sollte ihrer Meinung nach Einflüsse von Psychothrillern, Gruselfilmen und Science Fiction aufweisen. Ich musste mir einige bekannte Werke anschauen, um mich einzusehen, mich weiterzubilden und zu analysieren, wie diese Filmdramaturgie funktioniert. Der Film kann mit Hilfe von Kamereinsatz, Schnitttechnik und Toneinspielungen vieles hervorzaubern, was in der Übersetzung in die Theatersprache nicht 1:1 funktioniert. Für mich war dieser Ausflug in die Welt der Psychothriller der reinste Horror. It's not my cup of tea. Ich wandte mich mehr ab, als dass ich Erkenntnisse hatte. Friederike amüsierte es sehr, dass mich diese weltberühmten Filmklassiker so peinigten. Ich entschied mich schließlich, das unheimliche Bühnengeschehen mit Livekameramomenten zu kontrastieren und mit Hilfe von Musik, Ton und Licht das Wahnhafte herauszuarbeiten. Friederike schrieb den Darsteller*innen ihre Rollen passgenau auf den Leib: Olimpia gehörte zu einem infernalischen Trio, das durch Prof. Ignazio Spalanzani alias Nathanaels Vater (Hartmut Scheyhing) und Coppelius alias Coppola alias Doktor C. komplettiert wurde. Die äußerst gefährlichen Männer wechselten ständig ihre Konturen. Mal Wissenschaftler, mal Drogenhändler, mal Professoren oder Satan, benutzten sie Olimpia, um Nathanaels Seele zu beherrschen und den Mord an dessen Vater zu vertuschen. Oder waren sie nur Ausgeburten seiner kranken Psyche? Dies sollte nie geklärt werden. Sie rockten gemeinsam mit Olimpia absolut verrückte Musik auf phantastischen Instrumenten. Sie tauchte, plötzlich allein, puppenhaft, mit großen Augen und anziehender Erscheinung auf und verführte Nathanael durch romantische Balladen. Die Kompositionen waren poetisch, träumerisch, rockig, oft auch alptraumartig abgefahren.


Der Tod seines Vaters bei einer Explosion hatte bei Nathanael (Sergej Czepurnyi) ein Trauma hervorgerufen, dessen Auswirkungen u.a. darin bestanden, dass er einen Freund namens Rufus halluzinierte. Nathanael hatte gesehen, wie sein Vater, ein Forscher, mit Chemikalien experimentierte. Ein düsterer Herr namens Coppelius hatte das Haus immer wieder aufgesucht und wurde Teil der kindlichen Alpträume vom Sandmann. Rufus, dargestellt von Gerald Leiß, erscheint Nathanael später als sein Kommilitone auf einem Fernsehbildschirm. Die anderen sehen Rufus nicht.

Das Kind Nathanael spielte poetisch-verträumt Nina Buchmann, eine Elevin des Theater- Jugendclubs. Für Gerald Leiß stellte das Spiel der Figur des Rufus’ eine besondere Aufgabe dar. Er war auf der Hinterbühne verborgen platziert und hatte lediglich akustischen Kontakt zur Szene auf der Hauptbühne. Dort hinten spielte er seine Rolle und war gleichzeitig der Kameramann einer Livekamera, die ihn filmte. Er agierte für sich wie der Partner eines Hörspiels, für die anderen war er optisch wahrnehmbar, was er selber wiederum nicht überprüfen konnte. Eine herausragende Leistung der Vorstellungskraft. Rufus war eine unheimliche Figur zwischen Best Buddy, Joker und Mephisto.

In der vermeintlich hellen Gegenwelt befanden sich zunächst Nathanael und seine Verlobte Clara (Anna Mariani) sowie Nathanaels Mutter (Claudia Dölker), die aber ebenfalls Mitwisserin dunkler Geheimnisse war. Nach und nach glitten alle in den Alptraum hinüber, den Coppola und Spalanzani anführten.

Sergej Czepurnyi spielte den Nathanael als jungen, irritierten, zarten und etwas vorlauten Studenten. Er zieht in die Welt der Wissenschaft und lernt dort die Tochter seines Professors, Olimpia, kennen. Er erliegt der Faszination, die von ihr ausgeht. Nach und nach gerät er in den Strudel seiner Projektionen, Drogenräusche, Psychotischen Anfälle und wirklichen Vorgänge. Die Bösewichte füttern ihn als Wissenschaftler mit Tablegten und falschen Informationen. Oder sind es Ärzte, die sich um den Kranken kümmern? Es wurde nie geklärt ... Am Ende springt Nathanael vom Turm.

Wieder ein Theater-Experiment für Ansbach

Mit diesem Pop-Musiktheater kreierten wir für Ansbach wieder einen sehr experimentellen Abend. Der Umgang mit einem klassischen Stoff in einer weiteren Uraufführung, die Zusammenarbeit mit einer regional verbundenen Sängerin, die ästhetisch besondere Verwendung von elektronischen und akustischen Instrumenten in Verbindung mit einer Glasharfe, die Neukomposition fetziger Pop-Rockmusik und lyrischer Balladen, die Mischung der Genres Psycho-Thriller und Phantastische Erzählung waren einzigartig.

Danke an alle, die an diesem Projekt mitgewirkt haben. Besonders herzlichen Dank an Lys Jane für das Vertrauen in unsere Arbeit. Sie hat als Komponistin, Darstellerin, Sängerin und Instrumentalistin wesentlich zum Erfolg des Abends beigetragen. Es war mir eine Ehre.

©️Susanne Schulz

DER SANDMANN. IM BANN DER TAUSEND AUGEN von Friederike Köpf

Musik von Lys Jane und Hartmut Scheyhing (UA)

Premiere am 20.10.2018, Theater Ansbach, Großes Haus

Inszenierung: Susanne Schulz

Musikalische Leitung. Hartmut Scheyhing

Bühne und Kostüme: Jan Hax Halama

Mit: Nina Buchmann, Claudia Dölker, Lys Jane, Anna Mariana, Sergej Czepurnyi, Gerald Leiß, Andreas Peer, Hartmut Scheyhing


Fotos: Jim Albright




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