THEATER LEBT – AUCH IN DER ERINNERUNG (Folge 18)

Aktualisiert: Mai 6

KUNST UND VOLKSLIEDER – AUFDECKUNG GESELLSCHAFTLICHER MASKIERUNG

Liebe Leserinnen und Leser,

mein Blog hat nach einigen Tagen seines Starts bereits einige Abonnent*innen bekommen. Herzlich Willkommen und herzlichen Dank für Ihr Interesse.

Wenn Sie zu den Personen gehören, die im Moment völlig auf sich selbst zurückgeworfen sind, wünsche ich Ihnen von Herzen, dass Sie innere Ruhe und Einkehr, vielleicht sogar ein bisschen Selbsterforschung betreiben können, die Sie zu sich führt und Ihnen Kraft gibt.

Kollektives Bewusstsein

Die Erforschung des Selbst, des dramatischen Charakters, ist etwas, das wir in unserer Theaterarbeit täglich betreiben. Man geht dabei gemeinsam mit den Schauspieler*innen in einen Prozess der Text- und Figurenanalyse in einer Mischung aus Gespräch und szenischer Findung. Man probt. Der Text an sich gibt nur teilweise Auskunft über die Figur. In der Inszenierung sollten auch ihre inneren Motivationen, Zielsetzungen, Absichten von Belang sein. Die Regie hat u.a. die Aufgabe, dies sichtbar, für den Zuschauer erfahrbar, zu machen.

Mich interessiert beim Inszenieren immer eine tiefliegende Schicht: der untergründige Antrieb der Figur jenseits ihrer Fassade, auch jenseits ihrer Wortmasken und äußeren Handlungen. Der Bühnenautor Ödön von Horváth (1901-1938) nannte dies die „Demaskierung des Bewusstseins“. Ich würde es die Aufdeckung gesellschaftlicher Maskierung nennen, die einem „kollektiven Bewusstsein“ auf die Spur kommen sollte. Ich versuche in jeder Arbeit, gemeinsam mit den Schauspieler*innen (kollektive) Bewusstseinslagen zutage zu fördern. Dabei wird in der Probenarbeit Lage für Lage der Verhüllungen abgebaut, bis man zum eigentlichen Kern vorgedrungen ist.

Die Welt als Papiertheater

Der Bühnenraum für die Inszenierung KABALE UND LIEBE entfaltete die großartige dreidimensionale Wirkung eines Saales, z.B. eines Schlosses. Diese Wahrnehmung entstand, ganz nach alter Manier eines Barocktheaters, durch hängende Gassen, auf die ein realer Raum gedruckt war. Durchbrochen wurde diese naturalistische Wirkung u.a. dann, wenn Figuren aus den Kulissen auf die Bühne traten. Die Kostüme gründeten sich auf Trachtenschnitte, -stoffe und -muster. Alle Figuren staubten ein, denn von oben rieselte ab und zu Mörtel von der Decke. Eine bröckelnde Welt in einer Papierkulisse. Musik lässt in die Seele schauen

Eines der hervorstechenden künstlerischen Mittel dieser Inszenierung war das Singen von Kunst- und Volksliedern mit der Wirkung eines Verfremdungseffektes. In diesen, meist chorischen Momenten, stand die Zeit innerhalb des Stückes und der Figuren still und die Menschen ließen uns in ihr verborgenes Innere blicken. Ihre Freude, Sehnsucht, Hoffnung, Liebe und Trauer wurde durch die szenische Umsetzung von Texten und Melodien der Lieder wie unter einem Brennglas vergrößert und in Kontrast zu ihren Handlungen und Aussagen gesetzt. Stadtmusikus Miller, gespielt von Hartmut Scheyhing, war auch der Klavierspieler des Abends, der die kleinen Vokalensembles begleitete und mitsang. Sein Klavier wurde wie ein Musik-Möbel von Szene zu Szene gerollt und immer neu im Raum platziert. Eine schöne historische Fußnote dazu ist, dass sowohl Schillers Etablierung bürgerlicher Figuren als Hauptakteure in Tragödien (vorher waren sie auf die Komödie beschränkt) als auch die aufkommende Mode der Hausmusik mit einem ernstzunehmenden solistischen Klavier-Möbel, Ausdruck bürgerlicher Emanzipation waren.

In einer Art Prolog, der vor dem roten Vorhang begann, sangen Vater Miller (Hartmut Scheyhing), Mutter Miller (Claudia Dölker) und ihre Tochter Luise (Anna Mariani) gemeinsam mit ihrem nicht sehr willkommenen Sangesbruder Wurm (Andreas Peer) Brahms’ „Verstohlen geht der Mond auf“. Hinzu traten mit langsamer Öffnung des Vorhangs nach und nach die anderen Figuren und es entstanden in der Art einer Familienaufstellung Beziehungen, Energiefelder und kleine Konflikte.

Im Laufe der Inszenierung wurden Lieder von Beethoven, Schubert, Schumann und Brahms sowie Volksweisen gesungen. Nicht nur Lied und Melodie, sondern auch ihre szenische Umsetzung in bestimmten Formationen und Vorgängen erlangte, meist kontrastierende, Bedeutung. Am Ende des Stückes nach dem Tod Luises und Ferdinands schloss sich der rote Vorhang wieder und die Hinterbliebenen sangen in einer Art Epilog im schmerzlichen Bewusstsein einer zerstörten Welt Brahms’ „Nachtigall“.

Zerrissene Charaktere

Neben den stürmenden und drängenden Gefühlen Ferdinands und Luises, der verspielten Liebe der Eltern zu ihrer Tochter, der Eskalation der Macht in den Szenen des Herrn von Walter, den schrillen Episoden des Hofmarschalls oder auch den vielen kleinen spannenden szenischen und musikalischen Momenten, die die Rolle der Mutter Miller gegenüber dem Original deutlich aufwerteten, sind mir drei Szenen der Inszenierung noch stark als Gefühl in Erinnerung:

Nach der großen Erpressungs-Szene des Wurm, in der er Luise zur Niederschrift des falschen Liebesbriefes genötigt hatte, bricht er nach ihrem Abgang innerlich zusammen. In dem Lied „Mondnacht“ von Eichendorff/Schumann offenbart er ganz zart seine hoffnungslose Liebe zu Luise. Er lässt uns nachempfinden, wie stark sein brutaler Umgang mit ihr und wiederum ihre Ablehnung seiner Person seine Seele verletzt haben.

In meiner Sichtweise war Wurm ein sich selbsthassender Untertan. Seine Selbstablehnung entsteht aus der Unterdrückung durch das absolutistische System. Wurm ist nicht nur Täter, sondern auch Opfer eines durch und durch gewalttätigen und restriktiven Staates und eines zerstörungswilligen kollektiven Bewusstseins. Auch Wurm möchte, wie der adelige Ferdinand und seine Geliebte, die bürgerliche Luise, der Enge seines Daseins entfliehen und seine Flügel ausbreiten. Andreas Peer spielte den Wurm in dieser psychisch-sozialen Prägung äußerst differenziert und berührend. Das Lied, das er tief, schmerzvoll und am Ende als leisen Befreiungsatem mit seiner warmen dunklen Stimme ganz wunderbar sang, setzte seiner Rollendarstellung in dieser Inszenierung die Krone auf.


Mondnacht (Text: Eichendorff/ Musik: Schumann)


Es war, als hätt’ der Himmel Die Erde still geküsst,


Dass sie im Blütenschimmer

Von ihm nun träumen müsst'.

Die Luft ging durch die Felder,

Die Ähren wogten sacht,


Es rauschten leis’ die Wälder,

So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte

Weit ihre Flügel aus,


Flog durch die stillen Lande,

Als flöge sie nach Haus.



Gebrochene Herzen

Mit dem Lied „Das zerbrochene Ringlein (In einem kühlen Grunde)“ versuchte ich, den einzelnen Männerherzen des Stückes auf den Grund zu gehen. Wer sind diese Menschen, die als Herrschende und Untertanen in Staat, Gesellschaft, Justiz, Militär, Familie funktionieren müssen, wirklich? Von welcher Bewusstseinsstruktur werden sie getragen und angetrieben? Worin bestehen ihre Maskierungen? Auch dieses Lied fußt auf einer Dichtung Joseph von Eichendorffs. Eichendorff litt an der unerfüllten Liebe zur Tochter eines Küfermeisters. Ihr Treuebruch inspirierte ihn wahrscheinlich zu dem Gedicht. Ich ordnete jeder Figur eine zu ihrem Handlungs-Profil passende Strophe zu. Mit jeder neuen Strophe betritt die Rollenfigur mit einem Stuhl in der Hand den Raum und setzt sich. Am Ende sitzen alle Männer des Stückes vor sich hinstarrend auf Stühlen, isoliert, ihren Erinnerungen und Gedanken nachhängend. Sie singen gemeinsam immer wieder die Zeilen „Ich möcht’ am liebsten Sterben, dann wär’s auf einmal still“. Jede Wiederholung wird von mal zu mal leiser, bis der Text ganz am Schluss nach einer pianissimo-Wiederholung abbricht "... dann wär’s auf einmal ----".

Auch sie, egal welchen Standes, waren Opfer von Opfern und Täter durch Täter. Menschen, die nicht zu ihrem Gefühl vordringen dürfen bzw. können und zu Schatten ihres eigenen Selbst wurden. Unfreie. Untertanen. Unehrliche. Urheber von Unrecht.

Das zerbrochene Ringlein


Der Präsident (Gerald Leiß) spinnt die Intrige gegen Ferdinand und Luise:

In einem kühlen Grunde Da geht ein Mühlenrad Mein’ Liebste ist verschwunden, Die dort gewohnet hat. Sein Sohn Ferdinand (Andreas C. Meyer) glaubt die Lüge und leidet am vermeintlichen Treubruch Luises.

Sie hat mir Treu versprochen, Gab mir ein’n Ring dabei, Sie hat die Treu’ gebrochen, Mein Ringlein sprang entzwei. Vater Miller (Hartmut Scheyhing) träumt von einem freien Wanderleben als Musiker. Ein Vorschlag, den er Luise kurz vor dem Ende bei Schiller sogar noch macht.

Ich möcht’ als Spielmann reisen Weit in die Welt hinaus, Und singen meine Weisen, Und geh’n von Haus zu Haus. Hofmarschall von Kalb (Valentin Bartzsch), der belächelte Hofintrigant und Feigling, phantasiert von einem freien Leben als mutiger Soldat. Er möchte mit seinen Kameraden männerbündlerisch Krieg spielen.

Ich möcht’ als Reiter fliegen Wohl in die blut’ge Schlacht, Um stille Feuer liegen Im Feld bei dunkler Nacht. Wurm (Andreas Peer) knüpft an sein vorhergehendes Lied „Mondnacht“ an, kommt aber jetzt zu dem Schluss, dass ihm nur ewige Ruhe den Frieden bringen wird.

Hör’ ich das Mühlrad gehen: Ich weiß nicht, was ich will — Ich möcht’ am liebsten sterben, Da wär’s auf einmal still!


Alle (mit Klavier)


Ich möch't am liebsten sterben, Da wär's auf einmal still!


Alle (a capella leise)


Ich möcht' am liebsten sterben, Da wär's auf einmal still.


Ich möcht' am liebsten sterben, Da wär's auf einmal------.


Die Strophe des Hofmarschalls berührte mich persönlich am meisten. Valentin Bartzsch ist ein junger, sehr körperlicher, sehr präziser Schauspieler. Er hat ein unglaubliches Talent zur Komik und reproduziert sämtliche Vorgänge, die man einmal mit ihm erarbeitet hat, mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks. Den Hofmarschall spielte er als eine geprügelte, ängstliche und intrigante Marionette, die ihre Daseinsberechtigung lediglich aus den Oberflächlichkeiten des Hofes zieht. Große Augen und drahtiger Körper. Die Liedstrophe zeigte - unverstellt und direkt dargeboten - das sehnsuchtsvolle Innere der Figur und stand in starkem Kontrast zu dem, was der Zuschauer bisher mit dieser parfümierten Type erlebt hatte. Auch von Kalb war jetzt als ein Mensch mit Wünschen, Hoffnungen und Träumen zu erleben. Auch er wollte frei sein. Er wünschte, mutig und gesellschaftlich nicht sanktioniert, mit Männern zusammenleben zu können. Er wollte als Reiter fliegen, aus der engen höfischen Welt ausbrechen und mit Kameraden an stillen Feuern liegen. Ein ehrliches Bekenntnis zu einem Leben, das er als plappernde Kasperpuppe des Hofes nie würde führen können. Eine kurze Momentaufnahme der Seele eines Menschen, gebannt in einen Vierzeiler, getragen von Musik.

Gewalt und Erschöpfung

Alle Figuren waren, geprägt vom Unterdrückermechanismus des Staates, in dieser Inszenierung gewalttätig. Miller zerrte Luise an den Haaren, der Präsident griff Wurm brutal am Genick und rüttelte ihn, Ferdinand marterte den Hofmarschall. Alle fügten sich gegenseitig Leid zu. In einer Schlüsselszene nähert sich diese Gesellschaft- auch Luise- bedrohlich mit dem Lied "Es geht eine dunkle Wolk' herein" dem Präsidenten, der sich auf einem Stuhl krümmt. Wurm zückt das Messer. Aber er ist nicht zum Mord fähig.


Die dritte, mich persönlich sehr berührende Szene ist ein Moment im Schlussakt. Miller komponiert am Klavier und sitzt auch während der Giftszene dort. Ferdinand schickt Luise nach draußen, um die Limonade zu holen. Er setzt sich auf den Klavierstuhl und lehnt sich wie zum Schutz an Millers Rücken. Er ist müde und erschöpft. Andreas C. Meyer spielte einen ehrlichen, sehr preußischen und wackeren Ferdinand, der zu Wut und Ausbruch, aber auch zu sehr zärtlichen, wilden, sanften und stillen Gefühlen fähig ist. Schutzbedürftig wie alle Figuren dieser Inszenierung. Als Luise stirbt, beginnt Miller, das Klavier in Richtung Rampe zu schieben, geistesabwesend, seinen Schmerz verdrängend, wie taub, wie blind. Ferdinand spricht seine letzten Worte. Der Präsident eilt herbei und zerfließt in Selbstmitleid. Wurm stürzt hinzu, er löst sich in verzweifelter Trauer und Hass auf.


Luise, dargestellt von Anna Mariani, war die einzige Figur, die über lange Strecken hinweg mit sich selbst im Einklang ist. Sie wird von ihren Eltern zu Ehrlichkeit und emotionaler Aufrichtigkeit erzogen, nimmt sich zu Beginn sehr viel innere Freiheit und strotzt vor Lebenskraft und Zuversicht. Sie tanzt, fliegt und träumt mit Ferdinand durch das Stück und feiert ihre reine Liebe zu ihm. Mehr und mehr wird auch sie „sozialisiert“ in einer verkommenen Gesellschaft, die sie zu einer Betrügerin und Lügnerin machen will. Man setzt ihr die Maske der Untreue auf. Ihr Weg aus diesem gesellschaftlichen Sumpf ist nicht das freie Leben, sondern der Freitod. Ganz so, wie die erschöpften Männer auf den Stühlen gesungen hatten: „Ich möcht' am liebsten sterben, Da wär's auf einmal -------“.

KABALE UND LIEBE von Friedrich Schiller

Premiere am 24.02.2018, Theater Ansbach, Großes Haus

Inszenierung: Susanne Schulz

Musikalische Leitung. Hartmut Scheyhing

Bühne und Kostüme: Jan Hax Halama

Mit: Präsident von Walter (Gerald Leiß), Ferdinand (Andreas C. Meyer), Hofmarschall von Kalb (Valentin Bartzsch), Lady Milford (Sophie Weikert), Wurm (Andreas Peer), Miller (Hartmut Scheyhing), Frau Miller (Claudia Dölker), Luise (Anna Mariani)


Fotos: Jim Albright














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