THEATER LEBT – AUCH IN DER ERINNERUNG (Folge 17)

SCHAUSPIELER*INNEN IM MUSIKTHEATER

Mit dem neu engagierten Schauspieler und Musiker Andreas Peer segelte aus Wien die Besetzung unseres Fliegenden Holländer ins Theater Ansbach. Peer ist ein sehr gut ausgebildeter Schauspieler und Sänger, der über große Musikalität und Körperbeherrschung verfügt. Er spielt kraftvoll und präzise und lotet Figuren sehr energetisch aus. Seine schöne Gesangsstimme und seine instrumentale Ausbildung am Bass öffneten uns weitere Türen für die Entfaltung unserer musikalischen Projekte. Peer spielte den Holländer düster, zerrissen, depressiv, suchend, wütend, liebend, verzweifelt und auch zart. Sein drahtiger Körper durchfurchte die Bühne geradezu, er lief, sprang, arbeitet an der Takelage, immerzu in Bewegung. Sein unruhiger Geist wohnte in einem angespannten Körper.

Ich kann meine Inszenierung schlecht nacherzählen. Theater muss man sehen, hören, riechen, schmecken - gemeinsam erleben. Doch seien einige Momente herausgegriffen.


In einer Art Ouvertüre bewegten sich Holländer, Senta und Erik in Zeitlupe parallel zueinander aus der Bühnentiefe in Richtung Rampe. Flüsternd über Microports nehmen sie Fragmente der späteren Handlung vorweg: „Die Frist ist um. Jüngster Tag. Der arme Mann. Senta, willst du mich verderben. Nirgends ein Grab. Welch’ hohe Pflicht. Dein Trotz. Erlösung...“. Aus Holländer quellen nun die ersten Gesangstöne heraus: „Die Frist ist um, und abermals verstrichen sieben Jahr. Voll Überdruss wirft mich das Meer ans Land. Ha, stolzer Ozean, in kurzer Frist sollst du mich wieder tragen. Dein Trotz ist beugsam, ewig meine Qual, das Heil, das auf dem Land ich suche, nimmer werd’ ich es finden, euch, des Weltmeers Fluten, bleib ich getreu“. Der Flügel intoniert, Holländer spricht, singt. Die Frau und sein Gegenspieler schieben sich mit weit ausholenden Armbewegungen gemeinsam mit ihm wie eine dunkle Prophezeiung weiter auf das Publikum zu.


Später, auf dem Schiff, wird Holländer seiner untoten Matrosen wieder so überdrüssig sein, dass ihn ekel, müde vom ewigen Leben auf den Meeren von Zeit und Raum. Und die Matrosen werden ihm in rhythmisierten Sprechgesängen wieder und wieder ihre todgeschwängerte Liebessehnsucht einhämmern "Hohoje! Jolohe! Holoje! Ho ho! Von des Südens Gestad, aus weitem Land, Ich hab an dich gedacht, (… ) Hab dir was mitgebracht, Mein Mädel, preis den Südwind hoch, Ich bring dir ein gülden Band (...)“.


Irgendwann trifft Holländer auf den von Alkohol und Schulden zerfressenen Schiffseigentümer Daland. Dessen gesamtes Eigentum ist in Stürmen untergegangen und ihm schwimmen nun alle Felle davon. Er benötigt dringend einen reichen Freier für seine Tochter, um sein Geschäft zu sanieren. Holländer erscheint ihm zwar seltsam, aber er kommt ihm gerade recht.


Die Begegnung mit Senta trifft Holländer wie ein Blitz, er sinkt tief in ein nie gekanntes Gefühl, das ihm den Boden unter den Füßen wegzuziehen scheint. Die Erlösung scheint so nah. Senta wundert sich kaum, dass der Mann ihrer Träume plötzlich vor ihr steht. Sie kennt ihn ja. Es entsteht eine kreisende Bewegung, in der sich die Figuren wie auf einer magnetischen Bahn voneinander angezogen und abgestoßen umeinander herumbewegen. Holländer getroffen, Senta plötzlich als Frau erwacht, Erik eifersüchtig und Daland kupplerisch lauernd.

Im Schiff infizieren die Matrosen Senta mit ihren dunklen Bildern, Erinnerungen und Zukunftsvisionen. Später fallen Briefe vom Himmel wie Botschaften. Es sind die letzten Worte von Ertrunkenen aus vielen Zeitaltern. Senta erkennt Schritt für Schritt ihre Bestimmung. Sie muss helfen. Aber sie wird nie mit dem Tod fertig werden. Er schafft immer neue Opfer und Senta sieht kein Licht am Horizont. In einem der Briefe steht Wagners antisemitische Beschreibung vom „Judenthum in der Musik“. Senta gibt sie dem Pianisten zum Vorlesen. Dieser fühlt sich betroffen und gemeint. Über Erik kommt die Stimme Winifred Wagners. Sie bemächtigt sich seines Körpers und schwärmt glühend von Hitler. Aus Mary, die ein trostloses, ungeliebtes Dasein an der Seite des kaputten Daland fristet, ertönt die Stimme Cosima Wagners: „Ich schreibe auch alles auf, was er (Richard) sagt. Heute sagte er zum Beispiel IM HEFTIGEN SCHERZ, ES SOLLTEN ALLE JUDEN IN EINER AUFFÜHRUNG DES ‚NATHAN‘ VERBRENNEN. 18. Dezember 1881. COSIMA WAGNER. Gestorben 1930 in Bayreuth.“

Jan Hax Halama entwarf für das nackte Bühnenhaus, dessen Züge, Rollen, Seile und Scheinwerfer genutzt wurden wie eine Schiffstakelage, eine Landschaft aus schwarzen, gelackten, wie im Moment eingefrorenen, Wellen. Durch den halbgeöffneten Orchestergraben krochen Figuren und schafften sich Luft und Wort.

Ich inszenierte diesen Raum als Schiff, Meer, Seelenlandschaft, Erinnerungsraum, Friedhof der Geschichte...


Am Ende treffen sich Holländer und Senta im Heute, aber auch im Nirgendwo. Einsame Glühbirnen fahren aus dem Schnürboden und setzen sacht auf der Erde auf. Dort schimmern sie wie Seelenlichter:

SENTA: (...) Ich bring dich jetzt zu deinem Schiff. Fahr, Holländer, fahr weit hinaus. Und komm zurück, wenn du ein Mensch geworden bist. Dann können wir von Mensch zu Mensch einander gegenüberstehen. Da ist etwas zwischen uns, Holländer. So will ich versuchen, auf dich zu warten, wenn nötig, sieben Jahr.

HOLLÄNDER: Du überraschst mich, Senta. Du überraschst mich.

SENTA: Du mich auch.

SENTA beginnt still zu weinen.

DER HOLLÄNDER beginnt still zu weinen.

SENTA: JETZT ABER MUSS ICH WEITERMACHEN.

Musik mit offenem Ende. Licht dimmt ein.

Alle Zitate und Zitate von Zitaten aus: Friederike Köpf, Der fliegende Holländer. Im Sturm der Zeit, Leipzig 2017.

(Fortsetzung folgt)

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER. IM STURM DER ZEIT von Friederike Köpf (UA)

Premiere am 14. Oktober 2017, Theater Ansbach, Großes Haus

Inszenierung: Susanne Schulz

Musikalische Leitung: Hartmut Scheyhing

Bühne und Kostüme: Jan Hax Halama

Mit: Andreas Peer (Holländer), Sophie Weikert (Senta, Briefstimme, Untoter), Gerald Leiß (Daland, Briefstimme, Untoter, Stimme Wagner), Claudia Dölker (Mary, Briefstimme, Untoter, Stimme Cosima), Andreas C. Meyer (Erik, Untoter, Briefstimme, Stimme Winifred) Hartmut Scheyhing (Der Pianist, Jakob, Briefstimme Wagner)

Fotos: Jim Albright






42 Ansichten

©2020 TheaterDenkenKunst. Erstellt mit Wix.com