THEATER LEBT – AUCH IN DER ERINNERUNG (Folge 16)

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER. IM STURM DER ZEIT. Musiktheater für Schauspiel

Hartmut Scheyhing ist der Protagonist der heutigen Folge.

„Lieber Herr Scheyhing“, wir machen den FLIEGENDEN HOLLÄNDER von Wagner“. So oder so ähnlich habe ich ihm meine Idee präsentiert. Ganz sicher aber ohne Umschweife.

Mein Lebenspartner nennt dies meine „nordhessische Art“, womit Direktheit, Klarheit, Ruppigkeit, Sturheit und Eckigkeit gemeint sind. Nicht sehr schmeichelhaft, aber ehrlich.

Hartmut Scheyhing hat mich damals sicher mit seinem für ihn typischen milden, liebenswerten und in sich selbst ruhenden Blick angeschaut. Denn wie er wirklich reagiert hat, weiß ich nicht mehr genau. Aber ich sehe diesen Blick, den ich seit fünf Jahren kenne, sehr genau vor mir. Hartmut Scheyhing ist ein Künstlermensch, der alles zuerst einmal annimmt und dann im Sinn der Sache loslegt. Man bemerkt es zunächst gar nicht. Es herrscht da eine Stille, eine große menschliche Tiefe, die ein Geschenk für jeden künstlerischen Partner sein kann. Regisseur*innen, die sonst vielleicht nur aktive, laute, sich hineinwerfende Spieler*innen gewohnt sind, müssen erst einmal begreifen, dass aus dieser Ruhe und der stetigen Arbeit an sich selbst, an der Rolle oder, wie hier, an der Musik, heraus am Schluss ein Feuerwerk explodiert, das Licht und Funken sprüht. Natürlich muss man es anzuzünden wissen. Und Vertrauen haben. Ich wusste, wie groß das Geschenk werden würde, dass sich am Ende aus der Verpackung schält. Denn wir hatten die Chance, in all’ den Jahren künstlerisch zusammenzuwachsen und eine gemeinsame Handschrift zu entwickeln.

Bei all’ unseren Arbeiten war der Prozess ähnlich. Ich berichtete von meinen konzeptionellen Interessen, Hartmut Scheyhing erzählte mir von seinen musikalischen Ideen und welchen Spielraum wir mit dem Schauspiel-Ensemble haben würden. Wir sprachen darüber, welche Figuren in welcher Art präsentiert werden sollten, welche Arien, welche orchestralen Parts wir nutzen wollten und welche Leitmotive uns wichtig waren. Dann gingen wir auseinander. Zu Hause brummte jeder wieder allein in seiner Kammer. Beim nächsten Treffen kam Hartmut Scheyhing bereits mit den ersten musikalischen Vorschlägen, die auch dem musikalischen Vermögen der einzelnen Schauspieler*innen entsprachen. Ich hörte die Melodien, wir sprachen, wir gingen wieder auseinander. Unsere Ideen brummten. Parallel dazu entstand in einem ähnlichen Prozess der Stücktext von Friederike Köpf.

Dann gingen wir mit dem gesamten Material auf die Proben, wo Hartmut Scheyhing am Klavier ständig weiterarbeitete, anpasste, modifizierte, transponierte, die Sänger einstudierte. Zu Hause bearbeitete er weiter, komponierte und baute Momente der Improvisation ein, die er so liebt. Ich selbst teilte meine inszenatorischen Ergebnisse wiederum mit der Autorin, die ihrerseits in Leipzig am Stück weiterarbeitete. Es entstand ein Abend, an dem man Wagner hörte – am Flügel. Man tauchte tief in Wagners Musik ein und hörte trotzdem etwas ganz Neues. Wagners Musik wurde gespielt, zitiert, neu rhythmisiert, mit Sprechgesang vorgetragen, als Oper am Klavier phantasiert mit eigenen Improvisationen durchflochten, mit Klängen pointiert u.v.a.m.. Ich glaube, dass nur Musiker wirklich ermessen können, was es bedeutet, Richard Wagners Musik für Schauspieler*innen zu bearbeiten und dies wiederum einen ganzen Abend allein am Flügel zu bestreiten. Nur einige Beispiele zur Anschaulichkeit: Sentas Arie wurde zu einem Kinderlied, das eine Spieluhr zitierte und Gesang mit Sprechanteilen mischte, die Matrosen wurden zu rhythmisierten Zeitbomben, „Die Zeit ist um“ ein sich szenisch als Perpetuum Mobile voranarbeitender Abgrund.

Bravo! Bravo, Hartmut Scheyhing!

In der nächsten Folge wird es um die Inszenierung und die Rollenfiguren der Darsteller*innen gehen – soviel Zeit muss sein. (Fortsetzung folgt)

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER. IM STURM DER ZEIT von Friederike Köpf (UA)

Premiere am 14. Oktober 2017, Theater Ansbach, Großes Haus

Inszenierung: Susanne Schulz

Musikalische Leitung. Hartmut Scheyhing

Bühne und Kostüme: Jan Hax Halama

Mit:

-Andreas Peer (Holländer) und den Matrosen Sophie Weikert, Claudia Dölker, Gerald Leiß, Andreas C. Meyer

- Andreas Peer (Holländer), Andreas C. Meyer (Matrose), Hartmut Scheyhing (Der Pianist)

-Andreas Peer (Holländer), Sophie Weikert (Senta), Andreas C. Meyer (Erik)

Fotos: Jim Albright








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