THEATER LEBT – AUCH IN DER ERINNERUNG (Folge 14)

Aktualisiert: Apr 24

EIN DIKTATOR KANN NICHT SCHLAFEN

Es ist Ende 1952. Der sowjetische Diktator Stalin kann nicht schlafen. Er macht sich Sorgen um den Verlust seiner Macht und das Ende seiner Herrschaft. Er liest Shakespeares KING LEAR, ein Stück über die Abdankung eines Königs. Er erhofft sich daraus Antworten. Doch er braucht einen Dialogpartner, um seine Zweifel zu durchleuchten und seine Fragen zu lösen. Daher lässt er immer wieder den Theaterdirektor des Moskauer Künstlertheaters, Itsik Sager, zu sich kommen. Nachts, oft nach der Vorstellung, noch im Kostüm des Lear. Denn der jüdische Schauspieler spielt diese Rolle selbst.

In den nächtlichen Unterredungen verfangen sich die alten Männer und mit ihnen die Zuschauer immer mehr in einem Netz von Terror, Gewalt, Bespitzelung, Denunziation und Korruption. Dem Traum der Sowjetideologie vom „Neuen Menschen“. Und der Vernichtung des Volkes im real existierenden totalitären Regime der UdSSR. Scheint Sager am Beginn nur der fachkundige Berater eines alternden Politikers zu sein, so wird sein Schicksal mehr und mehr mit der Gewalttätigkeit und Zerstörungsbereitschaft des Tyrannen verwoben. In furchtbaren rückschauenden Etappen werden wir Zeugen der Liquidierung der Kulaken, der Moskauer Prozesse gegen die Bolschewiki, hören wir von Lenins letzten Tagen und spüren wir Stalins Horror beim Einmarsch der Deutschen Wehrmacht. Mehr und mehr entblättert sich die Kaltblütigkeit des Regimes, das über Jahrzehnte hinweg keinen Unterschied mehr zwischen Freund und Feind gemacht hatte. Auch Sager ist - wie fast Jeder - im Labyrinth dieses Systems irgendwann schuldig geworden. Stalin hat für alles eine Antwort, nur nicht die seiner eigenen Verantwortung. Nebenbei teilt er Sager mit, dass dessen Sohn Jurij an einer Verschwörung beteiligt gewesen und verhaftet worden sei. Sager erkennt das Folgenschwere des Vorgangs zunächst nicht, schließlich ist er „Stalin-Preisträger“ und aktueller Berater des Diktators. Dann wird Jurij deportiert. Sager bittet um das Leben seines Kindes. Stalin hat Verständnis, denn er selbst ist ja ebenfalls Vater einer sehr schwierigen Brut. Doch könne er leider nichts tun, da andere es angezettelt hätten. Und immer wieder keimt Hoffnung auf. In einer zermürbenden Schlussszene lässt sich der Diktator schließlich Stalin-Witze erzählen. Mit jedem gelungenen Witz kann Sager einen Juden retten, denn Stalin plant ein Pogrom. Am Ende erfährt der Schauspieler, dass sein Sohn Jurij „verstorben“ ist.

Wir spielten die Inszenierung im „Theater hinterm Eisernen“. Die Zuschauer*innen saßen auf der Bühne und blickten durch eine Anordnung eines schweren Schreibtisches mit wenigen Utensilien, zwei Sesseln und einem Teeschränkchen mit Samowar in den Zuschauerraum des Theaters, dessen Sitzreihen ebenfalls zum Spielort wurden. Ein langer roter Teppich führte darüber hinweg und verband die Bühne mit dem Rang. Über allem hing der rote Stern mit Hammer und Sichel. Manchmal schloss sich der eiserne Theatervorhang und die Szenerie wurde zum bedrückenden Büro des Diktators oder zum Gefängnis. In unserer Inszenierung trug Itsik Sager im ersten Auftritt als Lear georgische Nationaltracht. Durch diesen optischen Hinweis auf Stalins Herkunft machten wir klar, dass Sager am Moskauer Künstlertheater Kritik am politischen System übt, indem er seinen LEAR als die Geschichte des sowjetischen Diktators erzählt.

Dave Wilcox als Stalin und Hartmut Scheyhing als Sager waren ein geniales Schauspielerduo.

Stalin schwerfällig, lauernd, kaltblütig, durchtrieben, wahnsinnig. Sager gehetzt, taktierend, nervig, manchmal vorwitzig, staubig geworden im Sowjetalltag, die eigene Schuld verdrängend. Düstere Verhör-Szenen folgten auf skurrile Arrangements, die sich manchmal bis zum Aberwitz steigerten. Stalin schaufelte Geld aus seinem Schreibtisch, badete darin, tanzte und balancierte darauf und sprach vom „Neuen Menschen“. Sager erschuf in unendlichen Körperwindungen einen Wahnsinnsmonolog über die Frauen, die ihre Söhne, Männer und Väter in der Lubjanka, dem Moskauer Gefängnis des sowjetischen Geheimdienstes, suchten. Dann soffen sie Wodka. Eine schnell choreographierte Pantomime von stereotypen Wiederholungen: Eingießen, Saufen, tonloses Lachen, Eingießen, Saufen, tonloses Lachen...

Dave Wilcox sah Stalin mit der von Maskenbildnerin Silke Schack feingeknüpften Perücke und dem Bart dämonisch ähnlich. Er herrschte, stolzierte, manipulierte und donnerte. Er erschlich sich Wahrheiten und setzte subtil unter Druck. Er kroch und jammerte, er fluchte und verdammte. Er manipulierte ununterbrochen. Ein Psychopath. Hartmut Scheyhing spielte sich das Leben aus dem Leib. Seine Nerven spannten in der Suche nach Erklärungen, Ausflüchten, Schuldbekenntnissen, Rettungsversuchen und schließlich der Erkenntnis völliger Aussichtslosigkeit. Ein leergesaugter Künstler. Ein fahler Sowjetbürger. Ein ausgedünnter Mensch. Tränen rannen, Schweißperlen traten heraus. Die beiden waren großartig. Ich verneige mich noch heute vor ihrer Leistung. Danke, Hartmut Scheyhing, danke Dave Wilcox für Euer Vertrauen. Danke, dass ich dieses Stück mit Euch erarbeiten durfte.

Ich verwendete zahlreiche georgische und russische Musiken. Religiöse Melodien, Folklore, Klassik. Da ich weder russisch noch georgisch spreche, übersetzte mir eine Zuschauerin, die Dolmetscherin gewesen war, Lieder ins Deutsche. Bei den Texten aus Stalins Heimat war mir die georgische Nichte einer weiteren Zuschauerin behilflich. Ich konnte die Musiken zwar atmosphärisch zuordnen, aber die Inhalte sollten ja ebenfalls passen. Wie sich später herausstellte, hatte ich die Musiken zwar intuitiv eingesetzt, aber die Texte passten genau zu den Szenen. Den beiden Übersetzerinnen Margrit und Nino sei hier ebenfalls ganz herzlich gedankt.

Eine Endlosschleife der originalen Berichterstattung über Stalins Tod im sowjetischen Radio und in einem DDR-Sender begleitete den Einlass der Zuschauer. Stalin saß im Zwielicht auf der Bühne. Gespenstisch.

In Stalins Erzählung um den Selbstmord seiner ersten Frau Nadeschda Allilujewa ließ ich den Gesang eines sibirischen Frauenchors auf einer knarzenden Schallplatte hineintropfen. Die Frauen besingen Lenins Zeit in Schuchenskoje. Es ist eine sehr poetische Dichtung die mit den hohen Klängen der Vertonung Gänsehaut hervorruft.

Stalin zitiert aus dem Abschiedsbrief:

»Was hast du aus uns Revolutionären gemacht, Josef. Wir leben nicht mehr. Du hast die Seelen deiner Kampfgefährten korrumpiert und geschändet. Du hast uns zu Arbeiter- und Bauernmördern gemacht. Du hast uns, die dir unter Qualen und voller Ekel gefolgt sind, gezwungen, durch das Blut unserer Genossen und Freunde zu waten. Geh ruhig über meine Blutlache! Ich habe es verdient. Es ist mir nicht gelungen, deine verkrüppelte Hand zu halten. Josef, warum solltest du um mich trauern? Heute haben wir deinen Sieg über die Bauern gefeiert. Nicht die Revolution. Ich habe oft daran gedacht, dich umzubringen. Ich gehöre zu denen, die nur klagen und weitermachen, obwohl sie klagen. Ich will nicht mehr klagen. Ich will nicht mehr weitermachen. » (Gaston Salvatore, STALIN, Kiepenheuer Bühnenvertrieb)

(Fortsetzung folgt)

STALIN von Gaston Salvatore

Premiere am 15.Oktober 2016, Theater Ansbach, Theater hinterm Eisernen

Inszenierung: Susanne Schulz

Bühne und Kostüme: Jan Hax Halama

Mit freundlicher Unterstützung des Kostümbilds durch das Ensemble Porcia

Mit: Dave Wilcox, Hartmut Scheyhing

Fotos: Jim Albright






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