THEATER LEBT – AUCH IN DER ERINNERUNG (Folge 12)

GEWISSEN

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

das Schreiben der folgenden Texte zu meiner Inszenierung STALIN hat mir Kraft abverlangt, besonders in diesen Zeiten.

Aber gerade das Thema, über das Ihr in den nächsten drei Folgen lesen werdet, insoweit Ihr überhaupt soweit kommt („och nee, schon wieder so lange Texte und kein Foto vom leckeren Mittagessen, da schalte ich lieber ab“) ist immer virulent. Ihr könnt es auf verschiedenen Ebenen betrachten, auf historischen politischen, gesellschaftlichen, gesundheitlichen und ganz persönlichen. Es taucht immer wieder auf und wir können ihm nicht entfliehen. Im Gegenteil: wir sollten uns ihm stellen.

Wenn alle Regeln, Normen und Gesetze nicht mehr anwendbar scheinen, wenn sie infrage gestellt werden oder gar verschwinden, dann ist eine „innere Kategorie“ gefragt, die bei unserem persönlichen Wertesystem anklopft. Sie nennt sich das Gewissen. Und schiebt es bitte nicht weg und denkt, „das gilt nur für Politiker“, nein, liebe Leute, es betrifft Jede und Jeden von uns und hat mit Verantwortung und Eigenverantwortung zu tun.

Ich entschied mich, die Spielzeit 2016/17 mit dem Motto GEWISSEN zu versehen. Wir präsentierten Hofmannsthals ELEKTRA, Salvatores STALIN, Goethes WERTHER/Hacks’ EIN GESPRÄCH IM HAUSE STEIN, Köpfs LUTHER, von Schirachs TERROR, Guerneys LOVE LETTERS und Rostands CYRANO im Abend- und Sommertheater-Spielplan. Allesamt sind im Kern keine leichte Kost, aber Werke höchster Qualität, die das Thema GEWISSEN in je verschiedenen Facetten reflektieren.

Wir müssen beunruhigt sein. Unser Gewissen muss sich regen. Und nicht nur wegen der Corona-Krise. Nein, wegen der zunehmenden Radikalisierung europäischer Staatsführungen und ihrer Menschen. Wegen des sich verschärfenden Nationalismus’, Rassismus’, Terrorismus’, Faschismus’. Auch in unserem Land. Mal weniger öffentlich, mal offensichtlich. Mal laut plärrend auf den schönsten Plätzen deutscher Städte, mal als Zusammenrottung mit tödlichem Plan hinter den Kulissen. Theater hat die Aufgabe, auf solche Dinge hinzuweisen, sie mit seinen Mitteln zu reflektieren und sie der Gedanken- und Gefühlswelt des Zuschauers zu öffnen.

STALIN spielt nicht heute. Es spielt nicht in Deutschland. Sein systemischer Rahmen ist nicht die Staatsform der Demokratie. Aber das Stück zeigt, wie Totalitäre Regime entstehen, wie sie funktionieren, zu was sie fähig sind und wie sie sich erhalten. Und es ruft uns, gerade jetzt, ins Bewusstsein, wie verletzbar eine Demokratie sein kann und wie wichtig ein eigenes inneres Wertesystem jedes Bürgers, jeder Bürgerin zum Erhalt demokratischer Strukturen ist.

(Fortsetzung folgt)

STALIN von Gaston Salvatore

Premiere am 15. Oktober 2016, Theater Ansbach, Theater hinterm Eisernen

Inszenierung: Susanne Schulz

Bühne und Kostüme: Jan Hax Halama

Mit freundlicher Unterstützung des Kostümbilds durch das Ensemble Porcia

Mit: Dave Wilcox, Hartmut Scheyhing

Fotos: Jim Albright








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