MEINE NACHBARIN KLINGELT. WAS HAT DAS MIT KING LEAR ZU TUN?

Die Menschen der englischen Gesellschaft in der Regierungszeit der Tudors, besonders unter der Herrschaft Königin Elisabeths I. (1558-1603), hatten sehr genaue Vorstellungen vom Dasein, dem Menschen, der Natur, dem Staat und dem Kosmos und ihrer göttlichen Verbindung in einer "Chain of Being". Die elisabethanische Rechtslehre beschrieb zwei Körper des Staatsoberhauptes, „the King’s two bodies“ (Edmund Plowden 1588). Der König besteht in dieser Anschauung aus dem „body natural“ (Mensch) und dem „body politic“ (Funktion). Er ist ein Mensch wie alle anderen, er unterliegt Krankheit, Altern und Tod. Sein politischer Körper stirbt jedoch nie, was sich in der Aussage: „Der König ist tot. Es lebe der König!“ manifestiert.

William Shakespeare, der bekannteste Dramatiker der Elisabethaner, legte mit seinen Stücken immer wieder den Finger in die Wunde der Gesellschaft. Harmonie ist nicht der Stoff, aus dem Tragödien gemacht werden. Interessant ist vielmehr die Störung im System. In seinem Stück KING LEAR beschreibt Shakespeare einen König, der sich der Regel von den zwei Körpern widersetzt. Er wartet nicht, bis er stirbt. Er dankt zu Lebzeiten ab und verteilt sein Land an seine Töchter. Das wäre alles schön und gut, wenn er nicht meinen würde, dass er trotzdem „irgendwie“ König bleiben könne. Doch das funktioniert nicht. Mit seinem Rücktritt stört er das Ordnungssystem der Welt und wird von den anderen, die schon längst auf ihre Machtübernahme gewartet hatten, Schritt für Schritt demontiert: Seine Gefolgschaft wird so lange verkleinert bis ihm schließlich keiner mehr bleibt. Er legt seine Kleider als äußeres Erkennungsmerkmal der Monarchie ab. Sein Name wird ihm streitig gemacht. Seine Identität strebt gen Null. Zuletzt sagt sogar der Narr zu ihm „Ich bin der Narr, du bist nichts“ und verschwindet aus dem Stück. Schließlich irrt Lear verrückt, phantastisch mit wilden Blumen geschmückt über die Heide. Er ist ein menschliches Wesen geworden, fast ein Idealbild des gütigen Herrschers, aber der Staat, der „body politic“, stürzt in Krieg, Verderben und Chaos. Am Ende trägt Lear verwirrt seine tote Lieblingstochter Cordelia in den Armen. Als er schließlich ihren Tod erkennt, stirbt er an gebrochenem Herzen: „Du kommst nie wieder. Niemals, niemals, niemals, niemals, niemals!“. (Dieses Learsche „Niemals, Niemals, Niemals, Niemals!“ erklingt auch am Ende des Stückes STALIN von Gaston Salvatore, einem Werk über Macht, Machterhalt und der Brutalität, bis zum Ende weiterzumachen; vgl. hier Theater lebt - Auch in der Erinnerung, Folge 12-14.)


Wie oft musste ich während der wochenlangen Isolation und Kurzarbeit an Shakespeares Stück denken. Ich bin keine Königin, aber ich habe ein Amt. Ich habe nicht selbst abgedankt, aber ich habe de facto auch keine Befugnisse mehr. Ein Virus namens Corona, „die Krone“, hat zum endgültigen Shutdown des Theaters und der Arbeit des jetzigen Ensembles geführt.

Für die Öffentlichkeit bin ich weiterhin der „body politic“, man schreibt, simst und mailt mir. Man hofft, dass es noch eine letzte Vorstellung gibt oder wenigstens einen öffentlichen Abschied. Eine vertrackte Situation und gleichzeitig ein großes Geschenk der Liebe des Publikums zu seinem Theater, zu seinen Schauspieler*innen, der Anerkennung unserer Arbeit.

Ach ja... meine Nachbarin, werden Sie sich noch fragen, was hat sie mit KING LEAR zu tun? Sie klingelt an der Tür und zeigt mir einen kleinen Artikel, den sie aus der Zeitung ausgeschnitten hat. Ob ich das kennen würde. Nein. Ich lese und bin verblüfft. Da steht Schwarz auf Weiß, dass sich von Zuschauern initiiert eine „Arbeitsgruppe Theater“ gebildet habe, die zu einer öffentlichen Verabschiedung für uns, das jetzige Ensemble des Theaters, aufrufe. Man könne an einer Telefonkonferenz zur Vorbereitung teilnehmen. Das ist ja unglaublich! Meine Nachbarin, die all’ die Jahre alles von uns gesehen hat, möchte natürlich auch als Zuschauerin dabei sein. Aber ich weiß ja nicht, wo es stattfinden soll. Im Theater sicher nicht, denke ich... Leider... nicht... mehr. Vertrackt.

Als „body politic“ bezeichneten die Elisabethaner nicht nur das Königtum, sondern auch das Gemeinwesen, das sie in direkter Analogie zum menschlichen Körper sahen. Es funktioniert wie ein Gesamtorganismus, in dem jede Gesellschaftsschicht (=Organ) die ihr zugedachten Aufgaben erfüllt.

Wir haben längst das unbewegliche Schema des elisabethanischen Weltbildes verlassen. Corona führt uns nicht dahin zurück, auch wenn es viele im Moment so sehen. Nein, wir leben nicht in einer Monarchie, auch nicht in einer Diktatur. Ich bin nicht King Lear, das Ensemble ist nicht Cordelia. Gott sei Dank! Aber wir haben ein Gemeinwesen. Und es gibt Möglichkeiten. Demokratie heißt auch Erfindungsgeist, da, wo momentan nicht alles funktionieren kann. Heißt auch eigenständiges Denken und Initiative im Rahmen von Regelungen. Bedeutet Engagement und Handlung, soweit es eben geht. Nicht nur meckern, sondern einfach machen. Abstand halten, Masken tragen, sich begegnen.

Ist das nicht eine wunderbare Wendung in Zeiten von Corona? Theater lebt – nicht nur in der Erinnerung. Es lebt auch hier und jetzt in den Herzen der Menschen.


Ich freue mich auf unser Publikum. Danke, dass Ihr noch/wieder/immer da seid!


© Susanne Schulz, 28. Mai 2020

Foto privat: Luise Mortag

89 Ansichten

©2020 TheaterDenkenKunst. Erstellt mit Wix.com