Lasst die Theater offen! Brandbrief des Intendanten André Nicke, Uckermärkische Bühnen Schwedt


Uckermärkische Bühnen Schwedt, Foto: André Nicke

27. Oktober 2020

Sehr geehrte MinisterpräsidentInnen,

wir, IntendantInnen der Theater Brandenburgs und Sachsen-Anhalts, sind angesichts der rasant an Fahrt aufnehmenden Diskussionen um einen zweiten Lockdown und der bereits im Vorfeld verabschiedeten neuerlichen Einschränkungen der möglichen BesucherInnenzahlen bei Veranstaltungen in großer Sorge.

Wenn zu beweisen ist, dass Kunst und Kultur für unser aller Zusammenleben in einer Demokratie systemrelevant sind, dann jetzt!

Es liegt uns fern, die Pandemie kleinreden zu wollen. Im Gegenteil: Wie viele Menschen sind wir in großer Sorge hinsichtlich der gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Pandemie. Aber gleichfalls hatten wir auf die für den Herbst in Aussicht gestellten intelligenten Konzepte der Politik gehofft. Statt dessen gewinnen wir zunehmend den Eindruck, dass schnelle Entscheidungen getroffen werden, die aber an der Realität vorbeigehen und nicht die Risikoherde der Pandemie in den Blick nehmen.


Theater haben bewiesen, dass die Hygienekonzepte funktionieren, die sie seit dem Frühjahr erarbeitet haben: Nirgendwo scheint es derzeit sicherer zu sein als im Theater. Es ist also absurd, dass mit zweierlei Maß gemessen wird und man den Eindruck gewinnt, es ginge bei den anstehenden Entscheidungen nicht um überzeugende Hygienekonzepte, sondern um gefühlte gesellschaftliche Prioritäten, wenn beispielsweise der öffentliche Nah- und Fernverkehr weder intensiviert noch eingeschränkt wird, obwohl weder Abstände noch Luftaustausch gewährleistet werden können. Dann geht es nicht um die tatsächliche Sicherheit, sondern um Feigenblätter.


Noch einmal: Es ist völlig nachvollziehbar, dass Einschränkungen bei dem derzeit rasanten Anstieg der Infektionszahlen notwendig sind, aber warum soll das öffentliche Leben ausgerechnet dort eingeschränkt werden, wo bisher absolut kein Infektionsgeschehen nachweisbar ist. Theater als Orte der Anwesenheitskommunikation sind für den gesellschaftlichen Zusammenhalt wichtiger denn je. Diese Funktion mit purer Unterhaltung und Vergnügen zu verwechseln, auf die man ja wohl mal verzichten können muss, ist für die Demokratie unseres Landes fatal.


Unseres Erachtens liegt genau hier ein gedanklicher Kardinalsfehler: Es wird nicht ausreichend zwischen Veranstaltungsarten und -orten differenziert. Es gibt aber ganz offensichtlich Unterschiede zwischen einem kleinen Dorfgasthof oder Vereinshaus und einem großen Theatersaal mit weitläufigem Foyer: Mindestabstände, Wegeführungen, das Tragen der Masken bis zum Platz oder sogar während der gesamten Vorstellung, der Austausch der kompletten Luft im Saal innerhalb weniger Minuten – das alles wird in den Theatern seit ihrer Wiedereröffnung realisiert und permanent dem aktuellen Geschehen angepasst. Und es trifft nicht nur auf die Akzeptanz des Publikums, sondern auch auf Anerkennung und Wohlwollen. Man fühlt sich sicher. Und die Zahlen geben uns und den ZuschauerInnen in diesem Gefühl recht.


Es gäbe kein stärkeres Signal für die Anerkennung unserer Bemühungen und die Relevanz von Kunst und Kultur in unserer Demokratie, wenn die MinisterpräsidentInnen sich im Rahmen eines Theaterbesuches selbst von dessen Sicherheit auch in Pandemiezeiten überzeugen würden. Sie würden mit einem solchen Signal auch Ihre Kulturministerien stärken, von denen wir wissen, dass sie – zum Teil mit gleichem Wortlaut – in den letzten Wochen und Monaten sehr für die Theater und Orchester und die Aufrechterhaltung eines – wenn auch eingeschränkten – Spielbetriebes eingetreten sind.

Dabei geht es nicht um einen Selbstzweck, denn auch die Vorverkaufszahlen zeigen, wie groß das Bedürfnis der Menschen – gerade in der derzeitigen akuten Verunsicherung und Vereinzelung – nach Kunst und Kultur ist. Sie pauschal zu einem neuerlichen, nicht nachvollziehbaren Verzicht zu zwingen, auch wenn die Infektionszahlen regional weit weniger hoch sind als beispielsweise in den Großstädten, stärkt weder das Vertrauen in die Institutionen noch in die Politik.

Selbst die theoretische Möglichkeit, dass die örtlichen Gesundheitsämter Ausnahmen zulassen können, ist keine Lösung, sondern delegiert die Verantwortung in diesen von Ängsten und Verunsicherungen geprägten Zeiten nur immer weiter nach unten und macht den Bestand von mittelständischen Betrieben und die Aufrechterhaltung eines ja ohnehin schon reduzierten Kulturlebens von einzelnen SachbearbeiterInnen und ihrer Besonnenheit, ihrem Verantwortungsbewusstsein und ihrer Klugheit abhängig.

Es sollte – wie in einzelnen Bundesländern auf Basis der Festlegungen der letzten Ministerpräsidentenkonferenz geschehen – generell möglich sein, dass jedes Theater unter Einhaltung der allgemeingültigen Hygienestandards die sich daraus ergebenden zulässigen Zuschauerkapazitäten ausschöpfen darf, statt einer starren Verordnung von Kapazitätsgrenzen von 100 oder 150 ZuschauerInnen folgen zu müssen ohne Ansehen der individuellen Gegebenheiten vor Ort. Individuelle Lösungen müssen möglich bleiben.


Sehr geehrte MinisterpräsidentInnen, bitte vergegenwärtigen Sie sich und Ihren KollegInnen in den anstehenden Gesprächen, dass die neuerliche Schließung oder auch nur Quasi-Schließung der Theater weit mehr als ein Signal im Interesse der Sicherheit ist: Es bezeugt Ihre eigene und stärkt die Verunsicherung in der Gesellschaft, wenn Orte geschlossen werden, die als sicher gelten dürfen, während andernorts konzeptionslose Massenansammlungen gestattet werden und das Einhalten bestehender Regelungen zum Schutze aller quasi nur fakultativ ist.

Bitte verhindern Sie einen erneuten Lockdown für die Kunst- und Kulturbranche!

Mit freundlichen Grüßen

André Nicke


Intendant

Uckermärkische Bühnen Schwedt,

Vorstandsmitglied des Landesverbands-Ost des Deutschen Bühnenvereins

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