DAS WUNDERBARE WANDELTHEATER VON WINDSHEIM

Aktualisiert: Aug 30

ALLES KEIN WUNDER im Freilandtheater Bad Windsheim


Saß ich im falschen Stück?

Kennen Sie dieses Gefühl: Sie besuchen am Samstag eine Premiere und lesen am Montag die Kritik. Verwundert fragen Sie sich: „War der Kritiker wirklich in derselben Vorstellung wie ich?“ Diesmal ist es ganz anders. Ich war gestern ganz sicher in einer völlig anderen Vorstellung als der Kritiker der Premiere, denn der Wandel, die ständige Veränderung, das kreative Fließen ist in der neuen Sommerproduktion ALLES KEIN WUNDER Programm. Die gesamte Spielzeit über zwischen Juli und Oktober werden sich die Vorstellungen des Freilandtheater Bad Windsheim verändern. Szenen werden neu geschrieben, neu geprobt, immer wieder neu gemischt und angeordnet. Das Theater wandelt sich selbst. Das Team beschreibt sein Ansinnen im Programmheft wie folgt „Einem Reigen gleich wird die Frage nach dem menschlichen Grundbedürfnis nach Vertrauen durchdekliniert“.[1] In der aktuellen Situation der Pandemie ist die Suche nach Vertrauen sicher eine der existentiellen Themen.

Sommertheater und Winterwandeln

Die Sommertheaterproduktionen des Freilandtheaters unter „normalen Bedingungen“ haben an sich schon ein ganz eigenes, zauberhaftes Profil. Christian Laubert, Intendant, Autor und Regisseur, schreibt für jede Saison ein neues Stück. Die Handlungen spielen in dem fiktiven Örtchen Schaffenrath mit der nicht geliebten Nachbargemeinde Lichtenau im Rücken, immer in verschiedenen Epochen oder Jahrzehnten, immer mit neuen Themen und an immer neuen Spielorten des weitläufigen Freilandmuseums. Eine weitere Besonderheit ist die Zusammenarbeit mit Komponisten und die Zusammenstellung des Ensembles aus ortsansässigen Laien und Schauspielprofis. Im Winter hat sich das Team um Laubert auf die Form des Wandeltheaters spezialisiert. Man spaziert in klirrender Kälte und dunkler Nacht von einem Spielort zum anderen und erlebt dort einzelne spannungsreiche Szenen, die sich immer mehr zu einer Geschichte komplettieren.

Ich gestehe gerne, dass ich eine große Liebhaberin der unnachahmlichen künstlerischen Arbeit des Freilandtheaters mit seinen ursprünglichen, berührenden Menschen an diesem wunderschönen Ort unter freiem Himmel bin. Im Sommer und im Winter. Wenn man eine Idee von Franken formulieren wollte, so findet sie in dieser besonderen Theaterästhetik ihren künstlerischen Ausdruck. Nicht von ungefähr erhielt das Theater 2015 den Kulturförderpreis des Bezirks Mittelfranken und 2017 den Förderpreis Theater der Kulturstiftung der Mittelfränkischen Wirtschaft.


Das Wunder der Wahrnehmung

In diesem Jahr hat das Freilandtheater aufgrund der Pandemie die Grundidee des Winterwandel-Theaters in den Sommer mitgenommen, sie aber völlig neu ausgestaltet. Das Ergebnis ist ein zauberhaftes Theater-Natur-Historien-Erlebnis geradezu ein Wahrnehmungs-Panorama. Laubert hat für verschiedene Spielorte Szenen geschrieben, die für sich alleinstehende Kurzgeschichten sind. Durch das Erwandern der Landschaft mit ihren alten Höfen, Streuobstwiesen, Gärten, Scheunen und idyllischen Wegen erhalten die einzelnen Sequenzen eine Klammer und es entsteht ein Gesamtbild. Stärker als in der starren Anordnung der sogenannten Frontalbühne reifen in dieser mobilen Form die Geschichten in den Köpfen der Zuschauer. Dabei wirken nicht nur die Darstellung, der Text und der Inhalt, sondern auch das Erleben von Sichtachsen, der Duft der Blumen und Wiesen, das spürbare Untergehen der Sonne sowie das Miteinander von Zuschauern und Akteuren. Im gemeinsamen Spazieren entfaltet sich das Wunder der Wahrnehmung. Mal entstehen Traumsequenzen fast wie im Film, im nächsten Moment sind die Szenen so real, so greifbar im Hier und Jetzt wie bei kaum einem anderen Theatererlebnis. Die mit großer Kunstfertigkeit und Liebe zum Detail von Kostümbildnerin Marette Oppenberg ausgestatteten Spieler*innen weisen uns stumm als lebende Bilder den Weg zur nächsten Szene. Dann wieder sind sie als Figuren voll in Aktion. Ein eleganter Fluß trägt uns von Ort zu Ort von Geschichte zu Geschichte. Eine besondere Atmosphäre umhüllt uns.


Habt Vertrauen, Ihr Menschen!

Eine phantastische Figur mit Namen Oreste, eine Mischung aus Trommler, Bruchpilot und Chevalier (Horst Faigle), interviewt die Zuschauer mit Hilfe eines Fragenkatalogs und erstellt ein Stimmungsbarometer des Publikums. „Denn ‚die Leitung‘ will wissen, was Sie als Zuschauer denn benötigen“. [2] Entsprechend sollen die Szenen ausgesucht werden. „Sehen Sie alles durch die rosafarbene Brille? Dann muss Realismus her, dann zeigen wir Ihnen Szenen aus den zwanziger, dreißiger und (besonders hart!) den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Hat Ihnen Ihre Kindheit arg zugesetzt? Dann darf es auch etwas Aufbauendes sein, vielleicht eine Szene, in der das Vertrauen einmal nicht enttäuscht wird.“[3] Das Theater macht sich selbst zum Thema.

Der listige Nachfolger eines verunfallten Bürgermeisters (Torsten Siebenhaar) versucht pointenreich, ein wichtiges Adressbüchlein aus dessen Witwe herauszupressen. Es gelingt ein überaus kunstfertiges und amüsantes Kabinettstück über das aasige Lächeln der Macht. Ein älteres Ehepaar (Brigitte und Killen McNeill), das nach Portugal ausgewandert war, überlegt, ob es nach Schaffenrath zurückkehren möchte. Eine berührende Entscheidung für die Freiheit. Zwei beste Feindinnen (Heidelinde Bergmann und Hermine Wittig/Gertraud Bäuml) streiten sich fröhlich-abgründig um einen Verflossenen. Ein wunderbares Psychogramm. Ein junges Mädchen im Petticoat-Kleid (Charlotte Hornauer) telefoniert mit verschiedenen Freundinnen. Sie plant eine Lügengeschichte, die ihr den verbotenen Kinobesuch mit ihrem Freund ermöglicht. Die Enge der 50er Jahre, bezaubernd gespielt in einer einsamen Telefonzelle.

Es ist eine wahre Freude, den Darsteller*innen zuzuschauen. Es entstehen Szenen, die an die Menschenbildnisse der Maler Ferdinand Hodler über Max Liebermann bis zu Edward Hopper erinnern. Im Weichbild zeichnen sich wunderschöne Skizzen in der Art der Genre- und Landschaftsmalerei ab. Über allem hängt der würzige Duft des Sommers. Ein wahrer Genuss. Ein Festmahl für die Sinne. Die Sonne geht unter und aus einer Scheune dampft Höllenlicht zum Epilog. Die Götter sprechen. Habt Vertrauen, Ihr Menschen!

© Susanne Schulz, 28. August 2020

ALLES KEIN WUNDER von Christian Laubert Premiere: 31. Juli 2020, Freilandtheater Bad Windsheim

Regie: Rolf Kindler, Franziska Kuen, Christian Laubert, Levent Özdil

Musikalische Leitung, Komposition und Liedtexte: Horst Faigle Kostüme: Marette Oppenberg Dramaturgie: Rolf Kindler Mit: Ensemble des Freilandtheaters Bad Windsheim


Produktionsfotos in der Broschüre: Andreas Riedel

Fotos Freilandmuseum: Susanne Schulz

[1] Sommerwandel, in: Programmheft ALLES KEIN WUNDER, Freilandtheater Bad Windsheim 2020, S. 5 [2] Christian Laubert, Prolog heute, ebd. S. 6 [3] Ebd.


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