ARMUTSZEUGNIS DEUTSCHLAND

Aktualisiert: Mai 11

Meinen heutigen Blog möchte ich mit einer sehr persönlichen Geschichte beginnen.

Im Jahr 2013 tagte die Jahreshauptversammlung des Deutschen Bühnenvereins in Kiel. Begrüßt wurden wir von Frau Prof. Barbara Kisseler. Die Germanistin, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaftlerin war u.a. Hamburger Kultursenatorin gewesen, hatte die Abteilung Kultur des Niedersächsischen Ministeriums geleitet und wurde dann Staatssekretärin für Kultur bei der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Berlin.

Können Sie sich vorstellen, wie es ist, wenn Sie aus dem Mund der Rednerin plötzlich Ihren Namen hören? Und sich mit einem Mal die Köpfe der Kolleg*innen in Ihre Richtung drehen? Sie denken, Sie sind im falschen Film. Alte Schulszenarien wüten plötzlich in Ihrem Kopf. Sie wünschen sich schnellsten Harry Potters Tarnmantel herbei. Frau Kisseler hatte meinen Namen tatsächlich gesagt. Aber wir kannten uns nicht. Sie zitierte aus meiner Neujahrsansprache „Armutszeugnis Deutschland“, die ich 2013 für THEATER HEUTE geschrieben hatte. Und sie sagte, dass Sie diesen Text schon bei vielen Anlässen verwendet habe. Denn Frau Kisseler liebte Kultur nicht nur, sondern trat für sie stets vehement auf dem politischen Parkett ein. Eine Frau wie Barbara Kisseler täte uns heute als Kulturpolitikerin an allen Stellen Not. Eine engagierte „Anwältin der Kulturschaffenden und der Künste“ (Christoph Twickel, „Ein ganz anderer Ton“, Nachruf in: DIE ZEIT 13.10.2016), die mit allen Wassern gewaschen und dabei wohl sehr humorvoll war. Sie starb nach langer Krankheit 2016, wenige Monate, nachdem sie als erste Frau das Amt der Präsidentin des Deutschen Bühnenvereins übernommen hatte. Sie fehlt. Gerade jetzt.

Meine von Frau Kisseler so gern zitierte Neujahrsansprache könnte ich heute, in Zeiten der Corona-Krise und den noch unabsehbaren Folgen für unsere Kulturlandschaft, genau so wieder schreiben. Allerdings würde sie durch die aktuelle gesellschaftlich-politische Rahmung in viel schärferem Licht erscheinen:

Armutszeugnis Deutschland (Neujahrsansprache 2013)


„Die Säule, an der ich hier stehe, stützt und ziert zugleich seit fast 800 Jahren den Kreuzgang des Naumburger Doms. Sie ist Bestandteil einer über Jahrtausende gewachsenen Kulturlandschaft an Saale und Unstrut. Hier schlug im 13. Jahrhundert der Naumburger Meister seine Bildvisionen in Stein. Hier ätzte Max Klinger seine letzten Radierungen. Hier drückten Nietzsche, Fichte und Klopstock die Schulbank. Und hier steht das kleinste Stadttheater Deutschlands, das Theater Naumburg. Nur drei Spielzeiten hat es gedauert, um mit 12 Mitarbeitern aus einem spezialisierten Puppentheater ein Stadttheater für alle Generationen aufzubauen. Mit Schauspiel, Figurentheater, Tanz- und Musiktheaterprojekten, Straßen- und Sommertheater, durch Kooperationen mit kulturellen Partnern, eine aktive Theaterpädagogik und vielen neuen Formaten ist die Bevölkerung vom Theaterfieber erfasst worden. Zuschauerzahlen und Einnahmen steigen Jahr für Jahr. Die Lust auf Theater ist entbrannt. Eine Erfolgsbilanz, die Ideenreichtum, Qualität und Disziplin zu verdanken ist. Und die von der grundsätzlichen Vision getragen wird, einen Beitrag dazu zu leisten, eine Kulturlandschaft weiterzuentwickeln.

Voraussetzung dafür ist ein Land, das sich als Kulturstaat versteht und entsprechend handelt. Ein Land, das die Einzigartigkeit seiner Theaterlandschaft erkennt. Ein Land, das die harte Arbeit derer, die unsere demokratische Gesellschaft auf kreativem Weg kritisch beleuchten, hinterfragen und dadurch voranbringen, ebenso kritisch aber vorbehaltlos unterstützt. Das ihre persönliche Einsatzbereitschaft für die Bildung seiner Landeskinder begrüßt. Und das schließlich begreift, dass das Theater durch seine seit Jahrtausenden bekannte Wirkung der Herzens- und Verstandesbildung eine wichtige Säule seines eigenen demokratischen Gebäudes darstellt und darauf endlich Brief und Siegel gibt.

Wir brauchen ein das Theater liebendes, die Kultur schätzendes Gemeinwesen.

Deutschland ist das nicht. Seine kleinmütigen Statthalter scheuen die Verantwortung für ihr Erbe. Sie reißen die Säulen ein, die andere Jahrhunderte lang aufgebaut und gepflegt haben. Sie treiben Raubbau an der Zukunft, indem sie Kulturlandschaften zerstören. Und sie gefährden das filigrane Gebilde ihrer eigenen Demokratie, weil sie ihre Bildkünstler, Dichter, Theatermacher, Musiker und Philosophen mit Füßen treten. Das ist kein Zeugnis der Armut unseres Staates, sondern ein Armutszeugnis seiner momentanen geistigen Verfasstheit.

Für das neue Jahr wünsche ich uns allen die Vertreibung der Kleinmütigen, der Krämer und Buchhalter. Ich wünsche uns mutige Politiker, die Bedingungen dafür schaffen, wofür wir Theatermacher mit hoher ethischer Einsatzbereitschaft Tag für Tag im ganzen Land auf der Bühne stehen: Deutschland mit kritischem Blick als ein demokratisches Land, ein Kulturland zu erhalten und weiterzuentwickeln.“

Susanne Schulz (Intendantin Theater Naumburg), „Armutszeugnis Deutschland“, in: Theater Heute, 1/ 2013)

Zeitrechnung Corona 2020


Am 11. März 2020 begannen die ersten Theaterschließungen. Bis heute gilt weiterhin: Keine Großveranstaltungen bis Ende August. Was heißt das? Die Politik schweigt. Tausende von freischaffenden Künstler*innen sind auf einen Schlag mittellos. Die Politik schweigt. Festengagierte verharren in der Warteschleife der Kurzarbeit und lernen den Text für die nächste Premiere bereits zum dritten Mal. Die Politik schweigt. Intendant*innen werden komplett handlungsunfähig und streamen sich im Internet die Seele aus dem Leib. Die Politik schweigt. Private Theater stehen vor der Insolvenz. Die Politik schweigt. Man könnte die Liste so weiterführen.

Wir sind von der Bühne verbannt, dem Inbegriff von Öffentlichkeit, der Metapher von Welt. Wir fühlen uns verlassen. „Keiner sieht uns,“ jammern wir, „ keiner hört uns“, klagen wir. Einige wenige Zuschauer*innen vermissen uns, schreiben uns, mailen uns, liken uns auf Facebook. Aber sind wir wirklich-wirklich gesellschaftsrelevant? Wir dachten es bisher, weil wir produzierten, bis die Häuser krachten und spielten, bis wir auf dem Zahnfleisch gingen. Weil wir täglich kulturelle Teilhabe hervorbrachten und Bildung bis in die kleinsten Dörfer fuhren. Weil wir sozial engagiert arbeiteten und für alle Communities einer Stadt gleichermaßen da waren. Weil wir Zuschauerzahlen und Einnahmen steigerten. Und wenn wir brav waren, wurden wir dafür gelobt. All' dies sind die Leistungen tausender Theatermacher*innen der letzten Jahrzehnte. Doch unsere Erfolge sind jetzt Schall und Rauch. Das Immer größer, Immer mehr hat uns nichts genützt. Wenn es hart auf hart kommt, und das kommt es jetzt, so sind wir nicht die Letzten, die etwas vom Kuchen abbekommen, sondern wir sind gar nicht mehr dabei... Ich gebe es unumwunden zu: als Intendantin (mittlerweile in Bayern) würde ich natürlich auch sofort die Ärmel hochkrempeln, alle auf die Bühne holen, wieder spielen lassen, selbst inszenieren und damit zeigen, dass Kultur gesellschaftsrelevant ist. Aber wäre das wirklich gut? Wäre es nicht besser, jetzt genau hinzuschauen, wer wir sind und wo wir stehen? Corona macht’s möglich: Es gibt keinen gesellschaftlichen Konsens bezüglich der Kultur. Es gibt keine durch Bildung und Erziehung tief in unsere Bevölkerung eingeschriebene kulturelle Sehnsucht. Es gibt kein Selbstverständnis und keine Selbstverständlichkeit, dass Theater, Musik, Tanz, Malerei, unser Lebenskitt sind. Es gibt keinen Aufschrei in der Bevölkerung. Und es gibt kein Bekenntnis aus der Politik.

Utopia?


Viele Politiker*innen haben zumindest jetzt annähernd begriffen, dass sich in unserem Gesundheitssystem etwas ändern sollte. Wird sich diese Erkenntnis aber auch auf das Bildungssystem ausweiten? Wird die Überzeugung reifen, dass z.B. Theater eine wichtige Kulturtechnik zur Erhaltung der Demokratie ist? Wer in Theater investiert, investiert in die geistige und emotionale Verfasstheit seines Landes und seiner Bürger. Und diese muss jetzt stabil sein. Gerade, wenn Menschen Krisen überstehen müssen, wenn vieles zusammenbricht und so manches verschwindet, ist eine innere Gewissheit, auch die kultureller Identität, wichtig. Dann zählen Empathie, gegenseitiger Respekt, Kommunikationsvermögen, eine gesunde Streitkultur, Bildung und vor allem ein stabiles Wertesystem. Solange aber das grundsätzliche Bekenntnis zur Kultur als Staatsziel fehlt, besteht dafür keine Sicherheit. Nur wenn Kultur politisch gewollt ist und als Auftrag nachhaltig gesetzlich verankert wird, kann als Folge auch ein tiefgreifendes Selbstverständnis der Menschen als gestaltende Mitbürger*innen eines demokratischen Kulturstaates daraus erwachsen. Nur, wenn Kultur nicht mehr mit der gönnerhaften Geste der „Freiwilligen Leistung“ abgespeist wird, wenn Kultur offiziell als Grundversorgung des Menschen anerkannt wird, werden auch Kulturschaffende nicht mehr in die Ecke gestellt werden. Dass wir diese gesetzliche Zusage, diesen endgültigen Handschlag, aus dem ein gesellschaftlicher kultureller Konsens erwachsen könnte, gar nicht haben, hat die Corona-Krise schonungslos offengelegt.

Klartext:

1. Wir brauchen die gesetzliche Verankerung der Kultur als demokratisches Staatsziel. Und zwar derart gestaltet, dass Grundgesetz, Artikel 5 nicht tangiert wird.

2. Wir benötigen eine Reform des Bildungssystems, das den Menschen nicht als Knecht, sondern als schöpferisches Wesen betrachtet. Das ihm Herzens-, Seelen- und Verstandesbildung zuteil werden lässt und ihn so zu einem aktiven, selbstverantwortlichen Gestalter einer demokratischen Gesellschaft erzieht.

3. Wir benötigen eine Reform der Theaterstruktur, die den Wahnsinn der Überproduktion stoppt und die Macher*innen wieder auf ihre eigentliche Aufgabe zurückführt: das kreative Denken und künstlerische Gestalten zum Wohle aller in einer freien demokratischen Gesellschaft. Darin liegt der eigentliche Faktor der kreativen Produktivität.

Utopia? Jetzt noch, ganz sicherlich. Aber es waren immer Visionen, die den Beginn neuer Entwicklungen markierten. Dass es nicht mehr weitergeht wie bisher, wissen wir doch alle. Und wir Theatermenschen sind diejenigen, die die ersten Signale empfangen haben. Nach Corona wird nichts mehr so sein, wie es war. Es sind umwälzende Veränderungen im Gange. Und nötige Veränderungen werden keine Angelegenheiten von einem Jahr sein und müssen alle Bereiche betreffen, nicht nur die Kultur.

Vielleicht können wir eines Tages in weiter Zukunft unsere Politiker*innen irgendwann einmal mit Winston Churchill vergleichen. Er soll, als er während der Luftangriffe im 2. Weltkrieg dazu aufgefordert wurde, die Kulturausgaben zugunsten des Verteidigungshaushalts zu kürzen, gekontert haben: „Und für was kämpfen wir dann?“ (Andreas T. Sturm, „Kultur um jeden Preis“, in: TheEuropean 22.04.2020).

Aber dann, in weiter Ferne, wird es vielleicht auch keine Kriege mehr geben.

26.04.2020 ©️Susanne Schulz

Katja Preuss in "Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe", Theater Naumburg, 31.10.2013, R: Susanne Schulz, BK: Ruth Krottenthaler

Foto: Nicky Hellfritzsch

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